Kultur : Der Saxophonist ist zurück auf der Höhe seiner Kunst

Maxi Sickert

Chicago, Januar 1999. Unter der Pelzmütze bilden sich kleine Schweißperlen, die sich langsam den Weg nach unten bahnen. Später wird Archie Shepp die Pelzkappe abnehmen und sich mit dem Handrücken über die Stirn fahren, erschöpft und doch gestärkt. Entstanden ist die Aufnahme "Conversations" (Delmark), eine musikalische Huldigung an den im Januar verstorbenen AACM-Bassisten Fred Hopkins, des "urban griot in the new tribalism".

Dieses Album markiert einen Wendepunkt auf dem Weg, der Archie Shepp von Chicago weiter zurückführt in ein Jahrzehnt der Haltlosigkeit und Suche. Nach seinem "Black Ballads"-Album (Timeless 1992), das von der Kritik zerfetzt wurde, kam erst 1997 ein obskures Gesangsalbum ("Something To Live For"/Timeless) heraus. Letzten Sommer dann entstand in einem Schloss in Österreich eine persönliche Bestandsaufnahme mit Titeln wie "Et moi" und dem Selbstporträt "Archie Shepp", das jetzt unter dem Namen "St. Louis Blues" (PAO) veröffentlicht wurde. Der 62-Jährige, der noch beim Berliner Jazzfest im November 1995 betrunken über die Bühne stolperte, steckte damals tief im Sumpf des alltäglichen Wahnsinns fest.

Jetzt hat der große schwarze Saxophonist seinen Ansatz nicht nur auf dem Tenor wiedergefunden und nachdem "St. Louis Blues" noch sehr gesetzt daher kommt, knüpft Archie Shepp mit "Conversations" an seine große Zeit in den 60er Jahren als Wegbereiter des New Thing an, als er als Schüler von John Coltrane an dessen Seite die weiterführenden "A Love Supreme"-Sessions und "Ascencion" einspielte und mit Cecil Taylor und Don Cherry auf der Suche nach einer neuen Ausdrucksform war. Heute postuliert er: "Jazz ist tot! Der Rapper hat den Jazzmusiker ersetzt." Doch der Keeper Of The Flame lässt nicht locker. Jetzt ist er unterwegs mit Kultschlagzeuger Idris Muhammad (Sam Cooke, Curtis Mayfield, Roberta Flack, Pharoah Sanders) und Mingus-Big-Band-Bassist Andy McKee. In Europa trägt Archie Shepp übrigens Hut. Barbetti.Heute, 22.30 Uhr, im Miles, Greifswalder Str. 212.

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