Kultur : Der Schattenmann

Kugelsichere Songs: Der Wahlberliner Joe Jackson bringt sein zorniges Album „Rain“ heraus. Darin enthalten sind sowohl Stimmungswechsel als auch Kühle und Melodiosität.

Kai Müller
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Von Rauch umhüllt: Joe Jackson liebt Rauchen und die Freiheit Berlins. -Foto: Jim Rakete

Die ersten Akkorde stößt Joe Jackson wie eine Fanfare aus seinem Klavier. Dam- Dam...Daaamm! Es ist ein Wegstoßen, Abstoßen. Schlagzeuger Dave Houghton lässt die Hi-Hat schnappen wie eine tickende Uhr und drischt auf die Becken, dass es zischt. Dam-Dam...Daaamm! Am Bass geht Graham Maby jeden Ton mit, obwohl der Song dadurch wie in der Luft zu hängen scheint. Joe Jackson hat nie einen anderen Bassisten gehabt als ihn. Auch diesmal ist sein grummelnder Ton das Korsett, in dem der Pianist über die vermeintlichen Trompetenstöße hinweg die ersten Zeilen singt: „Hey ... can you hear me now / As I fade away?“

Ein Mann ist in Auflösung begriffen. "Invisible Man“ heißt das Eröffnungsstück des neuen Joe-Jackson-Albums "Rain“. Und es beschreibt eine ganz neue Lebensphase des Musikers: Er wird nicht mehr erkannt. Er, der einmal Hits wie "Steppin’ Out“, „Is She Really Going Out With Me“ und "Breaking Us In Two“ aus dem Ärmel zu schütteln vermochte, sieht sich ins Abseits gedrängt. Er fühle sich wie aus Rauch gemacht, singt er, einer Dunstwolke ähnlich, und seufzt: "Nun bin ich beinahe frei.“ Schon die vorausgegangene Platte trug den vieldeutigen Titel "Afterlife“ – Nachleben. Dabei betrauert Jackson nur das mediale Ich, von dem sich die Scheinwerfer abgewandt haben. So richtig bedrückend findet der Mann aus Portsmouth nämlich nicht, dass sein Star- Status schwindet. Seit dreißig Jahren ist der "geniale Versager“, wie ihn der "Spiegel“ nannte, trotz denkbar schlechtester Voraussetzungen im Geschäft. Was ist da schon ein bisschen nachlassende Popularität?

Jackson übersiedelte 2006 nach Berlin. Er bezog eine Wohnung am Kreuzberger Engelbecken. Nach zwanzig Jahren kehrte er damit New York den Rücken, jener Stadt, die ihm einmal, wie er sagt, „zu Füßen lag“, und der er 1982 mit "Night and Day“ sowie mit dessen später Fortsetzung "Night and Day II“ (2000) eine musikalische Hommage hinterlassen hat. Berlin darf auf soviel Ehre nicht hoffen. Nicht nur, weil Jackson eher zufällig an die Spree kam – ursprünglich wollte er nach London, aber dort gefiel es ihm nicht –, er findet Berlin auch ausgesprochen hässlich. "Ugly“ ist das Wort, das er ständig benutzt auf seinem Berlin-Rundgang, mit dem er auf einer – der Platte beigefügten – DVD in sein neues Umfeld einführt: Vieles sei so abscheulich, verkündet er, "dass es fast schon wieder schön ist“.

In der Musik findet sich davon nichts wieder. "Rain“ ist ein typisches Joe-Jackson-Album: dynamisch, kühl, melodiös und voller Stimmungswechsel. „Ich glaube“, begegnet er Vermutungen über den Einfluss Berlins, „dass der Ort, an dem ich lebe, keinen Einfluss auf meine Musik hat. ,Rain‘ könnte überall aufgenommen worden sein.“ Eingespielt hat Jackson die CD aber in den alten Ostberliner Rundfunkstudios, wo auch Wir sind Helden, Phoenix, Liars und Rufus Wainwright gelegentlich arbeiten. Dafür trommelte er die Urbesetzung der Joe-Jackson-Band zusammen, die es ein Vierteljahrhundert nicht mehr gegeben hatte. 1980 war sie auseinander gegangen, nachdem sie in kurzer Folge drei Platten gestemmt hatte und gerade so weit gewesen wäre, sich im New Wave zu etablieren. Aber Jackson fühlte sich ausgebrannt damals. Er begann Swing zu spielen ("Jumpin’ Jive“), entwarf urbanen Jazz-Pop ("Night and Day“), verfeinerte ihn ("Body and Soul“) und fügte seinem Œuvre Filmmusiken ("Tucker“), minimalistischen Pop ("Night Music“) sowie klassische Orchesterwerke ("Symphony No. 1“) hinzu. Erst, als das erledigt war und sich der Beethoven-Fan an seinem ausufernden Kunstanspruch abgearbeitet hatte, besann er sich wieder seiner Rock-Instinkte.

Er habe Musik im Sinn gehabt, erklärt Jackson in der Einzimmersuite eines Kreuzberger Hotels, die „so schlicht und majestätisch wirkt, als wäre sie schon immer da gewesen. Wie ein Berg.“ Viele Songs könne er jetzt allein nur am Piano spielen. Das war früher nicht möglich, da er sie mit einem bestimmten Arrangement im Kopf schrieb. Sein Ehrgeiz zielte diesmal, so Jackson, auf „kugelsichere“ Songs. Und ein paar sind ihm wirklich gelungen. Da ist das wiegende "Too Tough“, in dem der blasse, kugeläugige Schattenstar sich selbst als neurotischen Liebenden beschreibt. "The Uptown Train“ zitiert Joe Zawinuls Hardbop-Klassiker "Mercy, Mercy, Mercy“ und entführt ihn in schrille Soul-Gefilde. Mit "Good Bad Boy“ nimmt sich Jackson der hochgezüchteten Promikultur an, die er mit rasend schnellen Wortsalven belegt. Die Ballade "A Place In The Rain“ könnte auch von R.E.M. stammen, so hymnisch klingt sie.

Obwohl nur von einem Piano-Trio am Lodern gehalten, wirkt "Rain“ groß und wuchtig. Aber nicht zwingend. Dafür, dass sich der berüchtigte Nörgler fast in jedem Song über etwas beschwert, entwickeln seine kunstvollen Kadenzen zu wenig Zorn. Hektik wird mit Aufbegehren verwechselt. Vieles ist aufgesetzt und ausgedacht.

Gründe, wütend zu sein, gäbe es ja. In "Citizen Sane“, einem wilden Rock- Stampfer, zieht Jackson über den Regulierungswahn her. Leidenschaftlich kann er beim Thema Nichtraucherschutz werden, hinter dem er ein Komplott wittert, um unbescholtenen Bürgern Angst einzujagen. Auf seiner Website findet sich ein 18-seitiger Aufsatz dazu („Smoking, Lies and The Nanny State“). Es gebe keine Studie, sagt er, die das Krebsrisiko des Passivrauchens überzeugend nachgewiesen habe. Nach Berlin verschlug es Jackson unter anderem wegen seiner liberalen Rauchergesetze.

Da sitzt er nun wie jene "Diva with the tragic touch“, die er besingt, eingeholt von der sich ausbreitenden Nichtraucher- Epidemie. Dabei ist er gar kein intensiver Zigarettenkonsument. Es geht ihm ums Prinzip. Wie könne eine Stadt, in der beinahe alles erlaubt ist, zu einem so autoritären Akt der Bevormundung greifen? "Es kann nur schlimmer werden“, murmelt Jackson und starrt auf den unbenutzten Aschenbecher auf dem Glastisch. Die Aussichten? "Weniger Freiheit und weniger Spaß. Aber das sollte ich nicht sagen. Weil es jetzt wieder heißt, dass ich immer alles schwarz sehe.“

"Rain“ von Joe Jackson ist bei Rykodisc erschienen. Die JJ Band spielt am 11. März im Berliner Schiller Theater.

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