Kultur : Der Schattenmann

Wladimir Putin stieg in nur 13 Jahren vom KGB-Agenten in Dresden zum uneingeschränkten Herrscher über Russland auf. Doch wer ist Putin?

Stefanie Flamm

Es muss um das Jahr 1986 gewesen sein, als Wladimir Putin eines Abends in der Tür stand. Ingeborg S. hatte in der Kaufhalle am Dresdner Waldschlösschen einen riesigen Schlüsselbund gefunden und dort auf dem schwarzen Brett hinterlassen, dass der Besitzer sich am selben Tag um 19 Uhr bei ihr melden sollte. Er kam dann sehr pünktlich, sagt die alte Dame, und er soll ziemlich nervös gewesen sein. Wozu ein junger Mann so viele Schlüssel brauche, hat sie aber nicht gefragt. „Ich konnte es mir ja denken“. Sie trägt eine dunkle Hose und eine geblümte Bluse, deren Saum ihre Hüften bedeckt, die grauschwarzen Haare sind nach hinten gesteckt. Seit Anfang der 50er Jahre bewohnt die pensionierte Lektorin das Erdgeschoss einer Gründerzeitvilla unterhalb der ehemaligen sowjetischen Kaserne. Schräg gegenüber, in der Angelikastraße 4, saß zu DDR-Zeiten Putins Arbeitgeber, das KGB, ein paar hundert Meter weiter die Stasi. Heute führt von Dresden-Loschwitz kein Weg mehr nach Moskau.

Nach dem Abzug der russischen Truppen hat die Bevölkerung gewechselt. Wo früher in jedem Haus ein sowjetischer Spitzel und zwei Stasi-Leute wohnten, leben heute Ärzte und Professoren. Auf den schmalen Straßen parken Autos der gehobenen Mittelklasse, in den Vorgärten gibt es kein Unkraut. Nur zu Frau S. kommt ein Gärtner selten. Die riesigen Bäume lassen fast kein Licht mehr ins Haus. Auf dem Fußboden in ihrem düsteren Wohnzimmer liegt immer noch das braune Linoleum aus der Nachkriegszeit. Das Parkett haben Rotarmisten schon in dem kalten Winter nach der Befreiung verheizt. „So waren die Russen“, sagt Frau S. Kartoffeln haben die im Klo gewaschen und mit der Spülung abgezogen. Putin machte da einen ganz anderen Eindruck, wohlerzogen, fast charmant.

Am Tag nach der Schlüsselübergabe stand er wieder bei ihr in der Tür: mit einer riesigen Tüte selbst gebackener Pelmeni und schönen Grüßen von seiner Frau. 13 Jahre später wurde er Präsident eines der größten Länder der Erde, das seither mehr als eigenartige Signale gen Westen sendet. Doch wer ihm in den letzten Jahren begegnet ist, bestätigt Frau S.’s Eindruck: Putin, der bei seinen ersten öffentlichen Auftritten steif wirkte, als hätte er einen Stock verschluckt, ist ein Virtuose im Tete-à-tete. „Einer, der ihnen das Gefühl, dass er Sie sehr ernst nimmt“, sagt eine ehemalige Mitarbeiterin der deutschen Botschaft in Moskau. Selbst die kritischsten Korrespondenten seien nach einem persönlichen Interview oft richtig charmiert. „Er hört zu, während die anderen quatschen“, sagt sein Biograf Alexander Rahr. Auch dem Bundeskanzler scheint das zu gefallen. Seit ihrem ersten gemeinsamen Abendessen im Juni 2000 nennt er ihn nur noch „meinen Freund Wladimir“. Dabei eilte dem russischen Präsidenten bei seinem Antrittsbesuch in Berlin wirklich kein guter Ruf voraus. Er führte einen Kolonialkrieg in Tschetschenien, Journalisten, die wie Andrej Babizkij über die Brutalität seiner Armee berichtet hatten, verschwanden für Wochen in „Filtrationslagern“, der Staatsanwalt ließ die Redaktionsräume des Senders „NTW“ untersuchen, nachdem dort die Zensuranweisungen des Kreml verlesen worden waren. Nein, dieser Putin repräsentierte nicht das Russland, von dem Kohl und Jelzin bei ihren Saunastunden geträumt hatten. In seinem Aufstieg vom KGB-Oberst zum Präsidenten kann man, Etappe um Etappe, ablesen, dass die Transformation der russischen Gesellschaft zu keiner Zeit so gelaufen ist, wie der Westen es sich vorgestellt hat. Und was in Deutschland am meisten irritiert: Der Präsident macht keinen Hehl aus seiner Zeit beim KGB. Das Bier in Dresden sei ganz hervorragend gewesen, sagte er bei „Boulevard Bio“. Doch was er dort sonst noch gemacht hat, scheint niemand genau zu wissen.

Wie ein Deutscher

Einige glauben, Putin habe zwischen 1985 und 1990 die Industriespionage im Westen koordiniert, andere behaupten, er habe gegen die Nato gearbeitet. Doch diese Leute saßen gewöhnlich nicht in der DDR. Nach Dresden seien nur mittelmäßige Agenten entsandt worden oder solche mit wirklich geheimem Auftrag, schreibt Alexander Rahr. In „Der Deutsche im Kreml“ will er nicht ausschließen, dass Putin Angehöriger der Gruppe „Lutsch“ gewesen sein könnte, einer Eliteeinheit, die daran arbeiten sollte, Honecker abzulösen. Belegen kann er das nicht. Die Birthler-Behörde hält das meiste Material unter Verschluss, beim BND soll gar nichts mehr vorhanden sein. Genießt Putin auch auf internationaler Ebene Immunität oder hat er das Material verschwinden lassen? Rahr sagt, er könne sich beides vorstellen. Das Problem bei Putin ist nun: Man kann sich immer Verschiedenes vorstellen. Uneindeutigkeit ist seine Rhetorik. Putins Bild hängt wieder in den Amtsstuben, doch wenn es brenzlig wird, wie nach dem Untergang des U-Bootes „Kursk“ in der Barentsee oder dem Anschlag auf das Musicaltheater „Nord-Ost“ im Herbst 2000, verschwindet er aus der Öffentlichkeit. Putin schweigt, heißt es dann.

Die Leute in Loschwitz haben ihn am 6. Dezember 1989 zum letzten Mal gesehen. Blass wie immer, aber fülliger als heute, trat er Demonstranten entgegen, die drauf und dran waren, nach der Stasi-Zentrale auch noch die Villa des KGB zu stürmen. „Dies ist Territorium der Sowjetunion“, hat er damals gesagt. „Und das war’s dann“, sagt Frau S. Als sie ihn dann im Fernsehen wiedersah, hatte Boris Jelzin ihn gerade zum Ministerpräsidenten ernannt. Das war am 9. August 1999, die Sowjetunion war Geschichte und die Zukunft Russlands mehr als ungewiss. Das Land litt unter den Folgen der Rubelkrise vom August 1998, Löhne und Renten konnten nicht gezahlt werden, aber Jelzin war selbst für seine Vertrauensleute fast nicht mehr zu sprechen. Vier Ministerpräsidenten hatte er in den letzten 17 Monaten entlassen. Dass man sich Putins Namen merken müsste, glaubten deshalb nur wenige. Eine Kanzleiratte, die man in den Mantel des Ministerpräsidenten gesteckt hatte. Doch Putin blieb nicht nur im Amt, er machte eine erstaunliche Karriere. Nachdem er im Dezember 1999 zum Präsidenten befördert, und im März 2000 im Amt bestätigt worden war, sagte der Unternehmer Boris Beresowskij, was damals viele dachten: „Das Großkapital hat sich einen neuen Direktor gewählt.“

200 Millionen Dollar verpulvert

Doch der „Oligarch“ hatte sich verrechnet. Die 200 Millionen Dollar, die Jelzins Stichwortgeber sich Putins Wahlkampf hatte kosten lassen, waren schlecht investiert. Die vermeintliche Marionette begann schnell, auf eigene Rechnung zu arbeiten. Putin holte alte Gewährsleute wie Verteidigungsminister Iwanow aus dem Geheimdienst in den Kreml, baute mit ihrer Hilfe seine Hausmacht aus und vertrieb alle, die ihm in die Quere kamen. Beresowskij sitzt in London, der Medientycoon Wladimir Gussinskij hat sich nach Spanien abgesetzt, der internationale Haftbefehl gegen ihn ist weiterhin in Kraft. Das Muster, nach dem die beiden Männer verfolgt werden, hat sich schon oft wiederholt: Gibt sich jemand aufmüpfig, erinnert sich jemand anders, wie der Frondeur in den ersten wilden Jahren zu seinem Geld gekommen ist. Seit Anfang dieses Sommers steht Michail Chodorkowskij, der reichste Mann Russlands, am Pranger. In dem Verfahren gegen sein Unternehmen Jukos geht es vordergründig um Privatisierungsbetrug und Steuerhinterziehung, der Hintergrund dieser Fahndungsaktion ist noch nicht klar. Die „Moscow Times“ glaubt, dass mit dieser Attacke ein Exempel statuiert werde. Hinter den Kulissen schwele ein Machtkampf zwischen neoliberalen Kräften und den Etatisten, die die Wirtschaft wieder stärker ans Gängelband nehmen wollen. Es könnte aber auch sein, dass der Kreml hellhörig wurde, als der Öl-Milliardär begann, mit der liberalen Opposition zu liebäugeln, die ohne Unterstützung bei der Dumawahl im Dezember wohl nicht einmal die Sperrklausel schaffen würde. Allein die Kommunisten scheinen der Kremlpartei „Einiges Russland“ gefährlich werden zu können. Doch seit im Juni „TW 6“, dem letzten unabhängigen Kanal, die Lizenz entzogen wurde, könnte sein Herausforder Sjuganow nackt auf dem Roten Platz tanzen, im Fernsehen sieht man nur ihn: Wladimir Wladimirowitsch Putin.

In seinem Medienstab polieren mittlerweile 60 Menschen an seinem Image. Sie sagen, wie er den Kopf zu neigen hat, wenn er durch ein Kornfeld geht, entscheiden, wer Zutritt zu seinem Privatgemächern bekommt. Selbst Interviews mit seinen ehemaligen Lehrerinnen werden hier vergeben. Putin hat das Bild, das die Russen sich von ihm machen, fest im Griff. Der Eindruck, den er vermittelt, ist eindeutig: ein arbeitssamer Landesvater, der eigenhändig den russischen Augiasstall ausmistet. Ordnung und Disziplin sind seine Lieblingsworte. Und in einem Land, das zehn Jahre am Rande der Anarchie stand, haben auch Sekundärtugenden ihr Charisma. „Ich will einen wie Putin“, säuselte die Mädchenband „Die zusammen Singenden“ letzten Sommer und stürmte damit gleich die russischen Charts. Junge Leute fegten im Namen des regierenden Saubermannes die Hinterhöfe. Sein Gesicht wird in Teppiche gewoben, auf Vasen gepinselt und auf Spiel- und Ansichtskarten gedruckt. Es gibt Ölbilder mit seinem Konterfei, T-Shirts und Hochzeitstorten. Die Putin-Verehrung in Russland changiert zwischen Pop und Führerkult, doch was hier postmodernes Zitat, was beinhartes Machtkalkül ist, bleibt nicht immer unklar. Letztes Jahr lud der Kreml mit Katja Gloger vom „Stern“ zum ersten Mal eine ausländische Journalistin ein, den Präsidenten mehrere Tage lang zu begleiten. Eine positive Geschichte für Ausland, lautete der Auftrag. Die russische „Gala“ druckte die Geschichte nach: Diesen Monat erschien der Text um jede Spitze bereinigt als anschmiegsame Homestory noch einmal. Auf dem Cover umarmt Putin seinen Schimmel „Obereg“.

Der Schattenmann hat offenbar gelernt das Rampenlicht zu lieben, und diejenigen, die seiner Selbstliebe schmeicheln, werden immer mehr. Der Tauwetter-Poet Jewgenij Jewtuschenko widmet ihm Gedichte, und auch der ehemlige Dissident Roy Medwedjew wurde jüngst von der hagiographischen Muse geküsst. Putin sei auf dem rechten Weg, schreibt er in seiner Präsidenten-Vita. Putin ist die Inkarnation eines dritten Weges, von dem niemand weiß, wohin er führt. Er verspricht zwar Reformen, seine Maßnahmen riechen nach Restauration. Der einheitliche Steuersatz von 13 Prozent ist ein Geschenk für die Reichen, die Bodenreform kommt nicht voran, der Geheimdienst überwacht das Internet, der Vorsitzende des obersten Gerichtes nimmt Befehle entgegen. Putin nennt das „gelenkte Demokratie“, was nichts anderes heißt als: Die Demokratie bin ich. Doch wer ist Putin?

Früher habe er ihn besser gekannt, sagt Herr O. Sie waren „bei der selben Firma“. Aber das sei wirklich lange her. Seit Anfang der 90er Jahre gehört die Plattenbauzeile in der Dresdner Radeberger Straße, die die Stasi Anfang der 80er Jahre gebaut hatte, einer Genossenschaft. Die meisten Altmieter sind weg, oder knallen einem die Tür vor der Nase zu. Auch Herr O. will nicht viel erzählen. Doch geehrt fühlt er sich schon, den russischen Präsidenten gekannt zu haben. „Wir hatten denselben Rang“. Hinter seinem Rücken sieht man graue Auslegware, in die Decke sind Halogenlämpchen eingelassen. Die Putins bewohnten bis 1990 die gleiche Zweizimmerwohnung einen Stock höher. Auf den Privatfotos aus diesen Jahren trägt der Präsident meist einen dunklen Trainingsanzug. Seine Frau Ljudmila schiebt in Jeans einen Kinderwagen. Vor zwei Jahren, als er wieder nach Dresden kam, wollte Herr O. ihnen kurz Hallo sagen, aber man ließ ihn nicht durch. Die beiden Männer trennen Welten. Den einen hat die Wende zum Stasischwein gemacht, der andere isst mit dem Klassenfeind zu Abend.

Im Dezember 2001 lud sogar George W. Bush den Präsidenten auf seine Ranch. Putin ritt auf einer Woge des Wohlgefallens. Endlich glaubte man ihm, dass man mit einem eisernen Besen gründlicher kehrt. Antiterrorgesetze, schärfere Kontrollen durch Geheimdienst und Polizei? Er hatte die Gesetze längst umgesetzt, als der amerikanische Kongress noch die Vorlagen debattierte. Der Tschetschenienkrieg? Ein Feldzug gegen die Söldner bin Ladens, wie die USA ihn in Afghanistan führten. Für einen Moment war er der Gewinner der Geschichte.

„Demokratie ist ein Blödsinn“

Doch das System Putin, das die Gesellschaft durchwirkt wie einst die sowjetische Ideologie, passt in kein gängiges Muster. Seine Armee verheizt Wehrpflichtige in einem sinnlosen Krieg, er nimmt die Medien an die Kandare und ließ es zu, dass Wladimir Sorokin, einer der namhaftesten russischen Schriftsteller, wegen „Pornografie“ vor Gericht gebracht wurde. Doch wären morgen Wahlen, würden 72 Prozent ihm ihre Stimme geben. Sein Name steht für Stabilität. Putins Wirtschaftsminister German Gref hat im Land ein günstiges Klima für Investitionen geschaffen; für das erste Halbjahr 2003 wird ein Wachstum von sieben Prozent verzeichnet. Renten, Löhne und Gehälter steigen leicht, und solange sie auch gezahlt werden, schreckt die ständig wachsende Bedeutung von Militär und Geheimdienst nur noch wenige. „Als Putin gewählt wurde, hatten die Russen schon entschieden, dass die Demokratie ein Blödsinn ist“, sagt der Schriftsteller Wladimir Wojnowitsch. Man könnte auch sagen: Eine funktionierende Demokratie braucht keinen Putin. Doch davon ist Russland noch weit entfernt: Eine Hand voll Superreicher besitzt 80 Prozent des Privateigentums, während die meisten Menschen nur das Nötigste zum Leben haben. Nachdem die Perestrojka ihnen nur Armut und Dreck gebracht hatte, ist die Mehrheit der Bevölkerung wieder unpolitisch wie zu Sowjetzeiten. Die Freiheit hat ihre Versprechen nicht gehalten. Schon Jelzin stützte sich auf die alten Strukturen aus Militär und Geheimdienst, als er 1993 mit Waffengewalt gegen seine Gegner im Parlament vorging. Doch Jelzin war in den letzten Jahren eine lächerliche Figur, umringt von einer korrupten Hofkamarilla. Neben diesem Präsidentendarsteller musste der drahtige Putin wie eine Lichtgestalt wirken. Als er im September 1999, nach den Anschlägen auf die Häuser in Moskau und Rjasan, drohte, Terroristen „im Klo zu ersäufen“, stieg seine Popularität sofort auf 30 Prozent. Endlich einer, der sich Respekt verschafft.

Einmal KGB, immer KGB

Dass Putin jener Elite entstammte, die neun Jahre zuvor gegen Gorbatschow geputscht hatte, stört heute nur noch wenige. Die Inlandspitzel des KGB haben in Russland keinen besseren Ruf als die Stasi-Leute in Deutschland, Auslandsspione aber gelten als furchtlose James-Bond-Typen und wahre Patrioten. Oleg Blotzkij widmet in seiner Monumentalbiografie Putins Jahren in der „roten Aristokratie“ fast einen ganzen Band. Das wenig ruhmvolle Ende seiner Karriere beim KGB wird dort allerdings verschwiegen: Putin hatte versucht, nach dem Mauerfall ehemalige Stasi-Mitarbeiter anzuwerben, und konnte wahrscheinlich von Glück sagen, dass der Kalte Krieg vorbei war, als „Klaus Zaunick“, sein wichtigster Gewährsmann sich später dem BND stellte. Putin musste den Dienst quittieren, aber das alte Netz trug ihn in die Arme seines ehemaligen Professors Anatolij Sobtschak, des ersten frei gewählten Bürgermeisters von Leningrad. Bis 1996 diente Putin ihm in verschiedenen Funktionen, lockte Investoren in die Stadt, koordinierte die Privatisierung. Und wahrscheinlich hat auch er sich in diesen Jahren die Hände ziemlich schmutzig gemacht. Für die Tageszeitung „Kommersant“ hat Beresowskij kürzlich eine „kriminelle Biografie" des Präsidenten zusammengestellt. Darin listet er auf, wo überall er Geld veruntreut und Bestechungen kassiert haben soll. Doch schon das Strafverfahren, das die Stadtverordnete Marina Salje Mitte der 90er Jahre angestrengt hatte, war im Sande verlaufen.

„Einmal KGB, immer KGB“, sagt die Hamburger Schriftstellerin Irene Pietsch, die einmal sehr eng mit seiner Frau befreundet war und wahrscheinlich mehr weiß, als Putin recht sein kann. Der Kontakt zwischen den Familien brach dann auch abrupt ab, als Putin 1998 von Jelzin zum Geheimdienstchef befördert wurde. „Es ist, als würde ich in mein Geburtshaus zurückkehren“, soll er damals gesagt haben. Ein Jahr später ließ er wieder eine Gedenktafel für den verstorbenen KGB-Chef Jurij Andropow an die Lubjanka nageln. Als Präsident führte er die Melodie der Sowjethymne wieder ein und verpasste der Armee die alte rote Fahne. Ein Kalter Krieger, der versucht, mit Hilfe alter Seilschaften die Zeit zurückzudrehen? Wohl eher ein Kind des Kalten Krieges, das sich gerne im imperialen Restglanz der Sowjetunion sonnt.

Irene Pietsch erinnert sich an ein Essen in der Hamburger Gesellschaft, das Putin, damals stellvertretender Bürgermeister von St. Petersburg, Türen knallend verließ, nachdem der estnische Präsident die Russen als „Besatzer“ beschimpft hatte. „Die Ehre Russlands darf nicht beschmutzt werden“, lautet ein Satz, den sie damals oft von ihm gehört hat. Und so widersprüchlich Putins Weltsicht wirkt, sie scheint vor allem auf einem gekränkten Nationalismus zu fußen. Seine Politik ist Großmachtpolitik: Nach innen propagiert er den starken Staat, nach außen verlangt er für sein Land wieder einen Platz zwischen den Großen, gerne auch an Seiten der USA. Auch der zweite Tschetschenienkrieg folgt diesem Reizreaktionsschema. Er begann 1999 als Rachefeldzug eines gedemütigten Imperiums und brachte Putin auch bei den Generalen viel Ehr. Doch die Bevölkerung reagiert zusehends nervös auf diesen Krieg, in dem täglich über zehn Menschen sterben. Und obwohl Putins korrupte Armee den Rebellen nicht gewachsen ist, hat der Kreml für den 5. Oktober dort Wahlen angesetzt. Doch wenn es Putin nicht gelingt, diesen Konflikt, an dem beide Seiten gut verdienen, in dem der russische Staat aber nur noch verlieren kann, in den Griff zu bekommen, werden die Historiker sich einmal fragen, ob er der starke Mann war, den die Zeitgenossen in ihm sahen. Doch vorerst scheint ihm eine zweite Amtszeit sicher. Er zeigt den Menschen: Wir sind wieder wer. Er ist der Herr über die Bilder.

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