Kultur : Der Schatz im Stollen

Raubkunst der Nazis: Zwei Bücher über die Rettung der in Österreich eingelagerten Werke.

Ulrich Schlie
Obacht, ein Vermeer. Entladen von Kunstwerken in Altaussee (undatiert). Foto: dpa
Obacht, ein Vermeer. Entladen von Kunstwerken in Altaussee (undatiert). Foto: dpaFoto: dpa

Der spektakuläre Münchner Kunstfund und die Berichte übr die zwielichtigen Machenschaften des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt im „Dritten Reich“ haben Hitlers Beutezug durch die Museen und Kunstsammlungen im nationalsozialistisch besetzten Europa in den Fokus der Öffentlichkeit treten lassen. Das ganze Ausmaß des von Hitlers Beauftragtem in wenigen Jahren zusammengesammelten Arsenals tritt mehr und mehr in seiner von Raffgier getriebenen Hemmungslosigkeit hervor. Gerade zur rechten Zeit sind im Residenz Verlag unlängst zwei Bücher erschienen, die sich von unterschiedlichen Seiten der Thematik annähern. Robert Edsel und Brett Witter haben in den „Monuments Men“ die Geschichte jener unbekannten Helden, einer Handvoll von Frauen und Männern erzählt, die in der Sektion „Monuments, Fine Arts and Archives“ innerhalb der amerikanischen Streitkräfte auf den mittel- und nordwesteuropäischen Schauplätzen gegen Kriegsende und unmittelbar danach dafür sorgten, dass viele der zusammengeraubten Schätze aufgespürt und gesichert werden konnten. Die „Monuments Men“ dienten George Clooney als Vorlage für einen Film, der im kommenden Jahr ins Kino kommt. Sie sind im Erzählstil eines dramaturgischen Berichts geschrieben und leider mit einer Vielzahl von Ungenauigkeiten, fehlenden Einordnungen und falschen historischen Bezügen durchsetzt.

Das eigentliche Buch zum Thema, einen wahren Kunstkrimi, hat indes der Journalist Konrad Kramar mit seinem gut recherchierten, spannend erzählten „Mission Michelangelo. Wie die Bergleute von Altaussee Hitlers Raubkunst vor der Vernichtung retteten“ geschrieben. Zugutegekommen sind ihm dabei vor allem die wissenschaftlich akkuraten Vorarbeiten des Grazer Landesarchivars Wolfgang Weiß, die vor ein paar Jahren in „Vorsicht Marmor – nicht stürzen!“ publiziert wurden. Der Schnittpunkt beider Geschichten, die der „Monuments Men“ und der „Mission Michelangelo“, ist die Rettung der damals im Salzbergwerk von Altaussee im steirischen Salzkammergut eingelagerten Kunstschätze: Begebenheiten, die in ihren Verzweigungen und bisweilen verqueren Frontstellungen lange Zeit zu den Geheimnissen des „Dritten Reiches“ zählten. Sie handeln, wie Kramar zutreffend schreibt, von Helden und Schurken, von Grautönen in allen Schattierungen und erzählen, wie einer Handvoll Österreichern im Spätfrühling 1945 die Rettung dieses Schatzes gelang: Rembrandts, Vermeers, der Genter Altar, Michelangelos Madonna, Kirchenfiguren, Sammlungen oder alte Farbenfenster. Es war kein Zufall, dass gerade die bienenwabenartigen Stollengänge der alpinen Salzbergwerke in Hallstatt, Hallein, Altaussee und Bad Ischl, Hunderte von Metern unter der Erdoberfläche, als Lagerstätten ausgewählt wurden. Bis 1943 war Österreich praktisch von Luftangriffen verschont geblieben. Als die Alliierten dann auch auf österreichisches Gebiet vorrückten, begann eine fieberhafte Suche nach bombensicheren und konservatorisch geeigneten Lagerstätten.

Kramar trifft den Ton. Er lässt seine Geschichte zu Recht mit der Kunstbesessenheit Adolf Hitlers und den bis zum totalen Zusammenbruch nie aufgegebenen Plänen zum Aufbau eines „Führer“-Museums in Linz beginnen, und er ordnet sie ein in den Katarakt der Aktivitäten insbesondere des Himmler-Vertrauten SS- Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner, der im Rückzugsraum Ausseerland auf ein Auseinanderbrechen der Anti-Hitler-Koalition und eine Fortsetzung des Kampfes spekulierte. Ausgerechnet jener Kaltenbrunner, der für unzählige Verbrechen des Regimes verantwortlich war, wurde im Ringen um die Rettung der Kunstschätze zum Gegenspieler des fanatischen Gauleiters von Oberdonau, August Eigruber, der den Schatz sprengen lassen wollte.

Kramars Verdienst ist es, für die breite Öffentlichkeit die Leistungen bei der Aktion des lange Zeit verfemten Generaldirektors der Salinen, Emmerich Pochmüller, herauszustellen und immer wieder kolportierte Legenden zu entlarven, etwa diejenige des Mineralogen Hermann Michel genauso wie diejenige des im April 1945 mit Fallschirmabsprung vom Himmel gefallenen Fabulierers und selbst ernannten Anführers der „Freiheitsbewegung“, Albrecht Gaiswinkler, die beide behaupteten, sie seien für die Rettung der Kunstschätze maßgeblich verantwortlich. Ein Wermutstropfen ist, dass Kramar seine Quellen nicht offenlegt und auf einen wissenschaftlichen Apparat verzichtet. Am Ende bleibt der dankbare Blick zurück auf den selbstlosen Einsatz der Monuments Men und auf die großartige menschliche Leistung der einfachen Bergleute von Altaussee, die auf Mut, Zivilcourage und Ehrlichkeit gründete: Alle Kunstwerke waren bei der Einlagerung verzeichnet worden, beim Abtransport sollte kein einziges Bild fehlen.

Konrad Kramar: Mission Michelangelo. Wie die Bergleute von Altaussee Hitlers Raubkunst vor der Vernichtung retteten. Residenz Verlag, St. Pölten/Salzburg/Wien 2013. 200 Seiten, 21,90 Euro.

Robert Edsel, Bret Witter: Monuments Men. Auf der Jagd nach Hitlers Raubkunst. Residenz Verlag, St. Pölten/Salzburg/ Wien 2013. 560 Seiten, 26,90 Euro.

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