Kultur : Der Schein heiligt die Mittel

Gut geölt: Molières „Tartuffe“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin

Peter Laudenbach

Die Klagen über die Barbaren des Regietheaters und den Video-Theater-Pop, über den fehlenden Respekt vor dem Wort der Dichter, sind alt. Viel älter als Castorf und die Erfindung des Videos. „Jetzt sind die Leute so roh geworden, dass sie im Theater nur sehen, nicht mehr hören wollen“, stöhnte schon vor längerem ein Kulturpessimist: „Daher ist in den neuesten Komödien fast lauter Handlung und nur wenig Dialog.“ Nicht Peter Stein, nicht Bundespräsident Köhler ist es, der hier den Kulturverfall beklagt, sondern der Arthur Schopenhauer, 1847. Und schon damals half gegen die Zumutungen der Gegenwart nur ein entschlossen wehmütiger Blick zurück. „In den älteren guten Komödien, z.B. den Molièreschen, ist viel Dialog.“

Robert Schuster hat diesen Stoßseufzer erhört. Und den „Tartuffe“, Molières Komödie der Scheinheiligkeit, in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin ganz ohne Videos oder eingreifende Interpretationen, aber dafür mit formvollendet und sehr komisch servierten Dialogen inszeniert. Arthur Luthers schlanke, witzige Übersetzung treibt Schusters amüsante, schnelle Inszenierung voran. Hatte Ariane Mnouchkine den „Tartuffe“ vor einigen Jahren als Stück über den religiös verbrämten Terror der Mullahs gezeigt, schottet Schuster die Komödie konsequent gegen die Gegenwart ab. Die Kostüme (Bühne und Ausstattung: Sascha Gross) mit ihren Reifröcken, Spitzen und Rüschen zitieren samt den weiß geschminkten Gesichtern, den aberwitzigen aufgetürmten Perücken, den High Heels und Netzhemden eine Camp-Variante des Rokoko.

Aber nicht in einem Salon des 17. Jahrhunderts befinden wir uns, sondern in einem Kunstraum. Die Spielfläche in der entkernten Bühnenhöhle: ein strahlend weißes Quadrat mit schmalen Stegen in die Tiefe der Bühne und ins Publikum. Wie schöne Porzellanpüppchen oder Spielzeug-Männchen einer alten, mechanischen Spieluhr bewegen sich die Figuren um sich selbst in abgezirkelten Bewegungen, getragen von der perfekten Komödienmechanik Molières.

Mokant spitzt Bernd Stempel als Cléante die rot geschminkten Lippen und zeigt gekonnt Bein, wenn er Orgon, der einem religiösen Heuchler verfallen ist, zur Vorsicht rät – „dass man zu unterscheiden weiß, den wahrhaft Gläubigen von frömmelndem Geschmeiß.“ Recht komisch gibt Jörg Gudzuhn den von vergangenen Genüssen gezeichneten Lebemann Orgon mit angeklebter Säufernase, erschlaffter Gesichtshaut und cholerischen Schüben. Wehrlos erliegt er den Einflüsterungen des Tartuffe. Was, außer der Mechanik der Komödiendramaturgie, Orgon diesem seltsamen Heiligen in die Arme treibt, bleibt rätselhaft. Sind es frühere Sünden, die er nun büßen will, ist es der Überdruss an der eigenen Dekadenz, ist es schlichte Dummheit oder der Kitzel, es nach all den fleischlichen und weltlichen Freuden einmal mit einer anderen Droge zu probieren und den Glauben zu inhalieren – wir erfahren es nicht.

Einzig ein kokettes Tänzchen, das ein beglückter Orgon mit Tartuffe andeutet, nachdem er ihm sein Vermögen überschrieben und seine Tochter zur Frau versprochen hat, lässt größere emotionale Verwirrungen ahnen. An den Verführungskünsten dieses Tartuffe kann es kaum liegen: Robert Gallinowski gibt ihm mit Lust an der gut geölten Schmierigkeit eine Kleinkriminellen-Brutalität. Hinter den religiösen Floskeln dampft unverkennbar Fleischeslust, die sich bei dem Versuch, Orgons Gattin zu verführen, in schönster Klebrigkeit offenbart. Wobei Isabel Schosnigs Abwehrgefechte Orgons scheinheiligem Redefluss an rhetorischer Raffinesse ebenbürtig sind: „Erfüllt ich Ihren Wunsch, müsst´ ich mich versündigen, am himmlischen Gebot, das Sie doch stets verkündigen.“ Aber weil wir in einer durch und durch netten und harmlosen Komödieninszenierung sind, muss sie das natürlich nicht.

wieder am 23. und 30. Oktober

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