Kultur : Der Schein lügt

Bitte anschnallen: Dominik Molls leicht surrealer „Lemming“ sucht den Thrill im Alltag

Daniela Sannwald

Das Ding, das ein bisschen aussieht wie das Fliewatüüt aus der legendären Siebzigerjahre-TV-Serie, ist eine Überwachungskamera, die man mittels Fernbedienung fliegen lassen und noch in die hintersten Winkel dirigieren kann. So jedenfalls stellt sich das ihr Schöpfer Alain vor, ein technikbesessener junger Angestellter, den vom Nerd allerdings sein korrekter Haarschnitt und seine lässig-eleganten Button-Down-Hemden unterscheiden. Und natürlich die Tatsache, dass er verheiratet ist – mit einer vor allem schicken Frau, die wie er selbst in die Farben des saturierten französischen Mittelstandes – bleu, blanc, beige – gekleidet ist. Dass ihr Geschmack durchaus nicht in allen Lebensbereichen so dezent ist, stellt sich bald heraus. Auch, dass die fliegende Kamera nicht hält, was sie zu versprechen scheint.

Überhaupt trügt der Augenschein: Alain könnte man für den creative director in einer Werbefirma halten und seine Frau Bénédicte für seine Schwester. Ihr modernistisches Einfamilienhaus liegt in Südfrankreich, aber exakt kann man es nicht verorten, ebenso wenig wie Alains Arbeitsplatz oder das Häuschen in den Bergen, in dem das gar nicht so perfekte Paar einen Kurzurlaub verbringen will. Dominik Molls „Lemming“ ist ein Film der undurchdringlichen, glatten Oberflächen und stillen Wasser, die nur das Bild des Betrachters zurückwerfen.

Kaum merklich entstehen Risse und Strudel, unter denen sich Abgründe auftun; jenes Chaos, das an der Schwelle allzu geordneter Verhältnisse lauert. Alain beobachtet, wie der Nachbar seinen Sohn schlägt, und wendet sich irritiert ab. Alain versucht, den verstopften Abfluss unter der Küchenspüle zu reparieren, und kann das Rohr nicht aus seiner Verschraubung lösen. Alain und Bénédicte haben seinen Chef nebst Gemahlin zum Abendessen eingeladen, aber die beiden erscheinen zunächst nicht. Alains Ingenieursglaube an eine auf Knopfdruck funktionierende Welt gerät ins Wanken – erst recht, als seine Frau sich ebenfalls weigert, das zu tun, was er von einer perfekten Ehefrau erwartet.

Nachdem der Chef und seine Frau doch noch – viel zu spät – erschienen sind, man sich zu Tisch gesetzt und Smalltalk begonnen hat, schüttet die Besucherin ihrem Mann ein Glas Wein ins Gesicht, bezichtigt ihn des Seitensprungs und macht giftige Bemerkungen über das gastgebende Musterpaar. Doch nicht genug mit dem überstürzten Aufbruch der beiden: Die Chefgattin versucht, Alain, der abends allein in der Firma geblieben ist, zu verführen; am nächsten Tag erscheint sie bei Bénédicte im Häuschen am Stadtrand, um sie erneut zu provozieren. Dann schließt sie sich im Gästezimmer ein und bringt sich um.

Bis auf Alain haben alle verstanden, dass Technikglaube nicht mehr weiterhilft; allein der Ingenieur driftet wie ein pikaresker Held durch eine Reihe absurder Situationen, in denen er sich selber Normalität vorgaukelt. Eine kleine, grausame Szene zwischen den Eheleuten kündigt Schlimmeres an: Alain kommt von der Arbeit nach Hause und macht sich gierig über das von Bénédicte vorbereitete Essen her, sie beobachtet ihn angewidert: „Du isst wie ein Schwein.“

„Lemming“ macht frösteln. Das liegt an den glatten, gut ausgeleuchteten Oberflächen der Interieurs, die durch wenige bizarre Landschaftstotalen konterkariert werden, das liegt an einem die Feinheiten der Beziehungsmechanik sorgfältig auslotenden Drehbuch, vor allem aber an der schneidenden Präzision der Hauptdarsteller: Charlotte Rampling als Hysterikerin voller mühsam gezügelter Aggressionen, André Dussolier als emotional defizitärer Lebemann, Laurent Lucas als in seinen Grundfesten erschütterter Techniker und die stets ein wenig somnambule Kindfrau Charlotte Gainsbourg als eben so eine. Angucken, frieren!

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmtheater Friedrichshain, Filmkunst 66, Hackesche Höfe; OmU im fsk am Oranienplatz

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