Kultur : Der Schimmel kommt immer durch

Lokaltermin in der Potsdamer Straße – aus Jörg Fausers letztem Manuskript „Die Tournee“

Sieht doch wieder ganz passabel aus, die Potse“, meinte der Taxifahrer, der zwar in Harrys Alter war, aber doch aus einer anderen Zeit stammte. Passabel, in der Tat: Im Abschnitt vor der Bülowstraße präsentierte sich die Straße der Puffs und Kaschemmen, der Zockerbars und Nobelruinen jetzt als architektonischer Gelsenkirchener Neo-Barock, und zwischen Polsterzentralen und Supermarkt-Filialen klebten noch letzte Relikte aus der alten Zeit – Spelunken, Kebab-Läden, Spielcasinos – wie Schimmelflecken.

Und der Schimmel, dachte Harry, kommt doch immer durch.

In den Kutscherstuben blieb Harry erst mal in der Tür stehen, schüttelte den Regen aus seinem Trenchcoat und dem Pepitahut, den er seit neuestem wieder trug, und machte Bestandsaufnahme. An der Wand vor der Tür, die zum Versammlungsraum führte, und dem Tresen ratterten Spielautomaten, die er nicht erinnerte. Ebensowenig die Palme, die vorn am Tresen stand und fast bis zur Decke reichte, war das nun eine Geste an die Dritte Welt? Die Tische glänzten neu, imitiertes Teak, spießig, aber solide, und jedenfalls gab es noch keine Neonstrahler, keine Alternativnuttchen, die Cocktails servierten, keine Pornofilme und keine Kokainhändler, obwohl die Typen, die an den Automaten herumspielten und am Tresen hockten und würfelten, auch nicht gerade wie gestandene Mitglieder aussahen.

Von denen war nur Erwin da, der alte Erwin, mindestens siebzig mußte er jetzt sein, einer vom alten Schlag, der noch illegal gearbeitet hatte und in der Emigration gewesen war. Erwin saß in seinem alten schwarzen Wintermantel allein in der Kneipe – die Streuner zählten nicht – vor einem Wodka und runzelte die Stirn über seinen buschigen weißen Brauen, als er Lipschitz sah.

„Was führt dich denn her, Harry?“

Lipschitz hängte Mantel und Hut an den Haken, setzte sich und bestellte bei der Bedienung – einer neuen, die ihn nicht kannte – ein Bier und zwei Wodka.

„Abteilungssitzung“, sagte er zu Erwin, „was sonst.“

Der Alte musterte ihn scharf. „Wie lange warst du nicht mehr hier?“

„Ich gehör doch nach Buckow“, verteidigte Harry sich, „aber zu den Kleingärtnern passe ich nicht.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

Die Getränke kamen. Sie prosteten sich stumm zu. Laß den Schnaps weg, hörte Harry Ellie sagen und trank den Wodka ex. Nach einem halben Jahr der erste, das mußte so sein. Er zündete sich eine Zigarette an. Erwin rauchte nicht. Kam von den Naturfreunden, erinnerte Harry, war Nichtraucher und Nacktschwimmer.

„Ich habe vor,jetzt wieder öfter vorbeizusehen“, sagte Harry. „Wir müssen aufpassen, daß der Laden weiterläuft.“

„Dann solltest du aber in Zukunft dienstags kommen“, sagte Erwin, „der Termin ist geändert. Dienstag, nicht Freitag. Hast du die Mitteilungen nicht bekommen?“

Harry schüttelte den Kopf. „Hab’s wohl übersehen.“ Ihm war, als fiele er in ein Loch. Tagelang hatte er diesen Auftritt geplant – da bin ich wieder, Genossen, auf mich könnt ihr zählen, wenn die Reihen geschlossen werden –, hatte sogar noch einmal in ein paar ollen Sachen geblättert, aus der großen Zeit, als er beim Ostbüro die Stalinisten bekämpfte: und dann falscher Termin, die ganze Aufregung umsonst. Er trank sein Bier, spürte sein Herz hämmern, manchmal fehlte ein Schlag, die Pumpe war auch aus dem Takt. Na komm, nu sind wir mal wieder in der Stadt.

„Mach dir nichts draus“, sagte Erwin. „Da sind jetzt die Jungen, die machen das auch ohne uns. Pflanz du nur deine Apfelbäume, draußen in Buckow.“

(Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Alexander Verlags)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben