Kultur : Der Schimmelreiter

Kunst aus Käse: Köln ehrt den 1998 verstorbenen Allround-Artisten Dieter Roth

Magdalena Kröner

Am Anfang steht das Stirnrunzeln: Das soll Dieter Roth sein? Und das auch? Die künstlerischen Anfänge Dieter Roths gleichen einem atemberaubend virtuosen Parforceritt durch die Kunstgeschichte: gegenständliche Zeichnungen, eine Reihe fragiler Kinetik-Objekte, konkrete Malerei, Op-Art, Skulptur bis hin zum Möbelbau und der Gestaltung von Schmuck und Kinderbüchern. Es gibt kaum eine künstlerische Disziplin, die Dieter Roth nicht mit einem geradezu besessen zu nennenden Eifer durchgespielt hätte. Gleichwohl lassen die Arbeiten der Anfangsjahre bis zum Ende der Fünfzigerjahre eine persönliche Handschrift kaum sichtbar werden. In „Roth-Zeit“, der ersten umfassenden Werkschau nach seinem Tod im Jahr 1998, lässt sich nun erstmals die Entwicklung dieses genialischen Künstlers Jahr für Jahr nachvollziehen. Während im Mai in Basel insgesamt an die 700 Exponate das gesamte Erd- und Untergeschoss des wahrlich weitläufigen Schaulagers füllten, muss man sich nun im Kölner Museum Ludwig zwar aus Platzgründen bescheiden, doch werden auch hier die wichtigsten Werkgruppen aus allen Lebens- und Arbeitsabschnitten Dieter Roths gezeigt.

Die frühen Jahre waren für den 1930 in Hannover geborenen Roth eine künstlerische und mediale Lehr- und Wanderzeit. Doch seine rastlose künstlerische Suche schien an einem ganz bestimmten Punkt abgeschlossen: 1961, dem Entstehungsjahr der „Literaturwurst“. Roth häckselte dafür (nach Rezept!) Martin Walsers Roman „Halbzeit“ klein und füllte ihn, mit Fett vermengt, in Naturdarm, wo er bis heute ein quasi organisches Nach- und Zweitleben führt. Damit war in Roths Leben und Werk eine Phase angebrochen, die in der Ausstellung schlicht mit „Entgrenzung“ betitelt ist und doch das Aufscheinen einer originären, unverwechselbaren Handschrift markiert.

In der Folge entwickelte Roth zahllose Buchobjekte und zeigte dabei eine Leidenschaft für den Text, die sich bereits in den wunderschönen dadaistischen Wortspielereien aus der Mitte der fünfziger Jahre andeutete. Bücher blieben ein zentraler Gegenstand der Inspiration: mal als simpler Malgrund, mal als skulpturales Material, das Roth oft mit beißender, doch immer leichthändiger Ironie um- und überformte – je klassischer die enthaltene Literatur, desto lieber war sie dem Wort- und Bilderstürmer.

Was mit der „Literaturwurst“ begann – das physische Begreifen kunstfernen Materials und seinem Überführen in die Kunst – entwickelte Roth zu seinem charakteristischen, sich profanste Dinge anverwandelnden Modus operandi. Fortan trat der Schimmel ins künstlerische System – zum ersten Mal 1964, in seinem aus Schmelzkäse hergestellten „Porträt Carl Laszlos“. Roths kunstvolle Verfallstudien nutzten Milch, gingen – quasi den natürlichen Prozess abbildend – über zu Joghurt und zerfließendem Käse. Gerne ließ er auch Früchte schimmeln, und machte selbst vor Maden, die in Fleisch ihre Spuren hinterließen, nicht Halt. Aus Gewürzen, die er in Glaskästen presst, schuf er geradezu gestisch anmutende Farbmalereien. Längst hat Roth mehrere Generationen anderer Künstler mit seiner Schimmelkunst beeinflusst, doch wissen nicht zuletzt die Restauratoren ein Lied von seinen ungewöhnlichen Techniken zu singen. Doch einen wie Roth wird so etwas wie der „Ablauf des Haltbarkeitsdatums“ in seiner Kunst wenig geschert haben – wohl wissend, dass der Verfall sie nicht anfechten, sondern, im Gegenteil, gerade ihre Qualität ausmachen sollte.

Das Ende der opulenten Schau bildet Roths Spätwerk. In den letzten zwanzig Jahren seines Lebens verwandelte er die schiere Lust am Material in zunehmend riesenhafte Installationen wie die auch in Köln zu besichtigende „Gartenskulptur“. Dieser über 30 Jahre hinweg entstandenen Arbeit, die mittlerweile bis auf 40 Meter Länge angewachsen ist, haftet gleichwohl etwas Spektakeliges an: großer Kunstzirkus, dessen Lärm von einer vielleicht im Inneren sich heimlich ausbreitenden Stille abzulenken sucht.

Berührend stehen am Ende eines buchstäblich erschöpfenden Rundgangs Roths „Solo-Szenen“. Seine letzten beiden Lebensjahre hat der Künstler in skurrilen, witzigen, teilweise auch beklemmenden Szenen seines Alltages, der fast ausschließlich allein im höhlenartigen Atelier an der Baseler Hegenheimerstrasse stattzufinden schien, im Video festgehalten. Aus 128 Einzelmonitoren hat er eine monumentale Wand aufgebaut. Diese still flimmernde Tapete aus Lebens-Miniaturen hat ungleich mehr Kraft als so manches gegenwärtig als Kunst produziertes Endlos-Video: Roth-Zeit statt Echtzeit.

„Roth-Zeit“, Museum Ludwig Köln, bis 11. Januar 2004; ab 10. März 2004 im MoMa Queens und PS1, New York; Katalog 45 Euro.

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