Kultur : Der Schimmer im Milchglas

PERFORMANCE

Ulrich Pollmann

Wie schön, dass es die Kanzlerlinie gibt. Die sonst ungenutzten Hohlräume der U-Bahn-Schächte unter dem Potsdamer Platz eignen sich – stimmungsvoll beleuchtet – bestens für Spektakel aller Art (wie beispielsweise jüngst eine Angela-MerkelOper). Der gigantische Nachhall tut sein übriges. Musik verschiedener Kulturen mischt das Projekt transalpin also zu ihrer Performance „leittönen2“, Fortsetzung folgt.

Erfreulicherweise blieb das vielzitierte multikulturelle Straßenfest aus. Bausteine verschiedener Musikformen werden einander gleichsam skelettiert gegenübergestellt, teils ineinander verwoben. Alphornklänge ziehen durch den Bahnschacht, grundieren aber auch schon mal ein Volkslied. Wundervolle bulgarische Lieder werden kunstvoll zweistimmig intoniert, von weit hinten kommen arabische Klänge.

Die Musiker des Projekts hören aufeinander, sie versuchen, die Musik zueinander passend zu machen. Ihrer Semantik wird sie dabei beraubt. Gebet oder Tanz – das spielt hier keine Rolle, Text und Sprache sowieso nicht. Die postulierte Utopie globaler Konsonanz entsteht so sicher nicht, wohl aber ein assoziationsreiches Spiel mit folkloristischen Versatzstücken. Es lässt die Musikkulturen in einer gleichsam neutralisierten Vogelperspektive wie durch ein Milchglas hindurchschimmern.

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