Kultur : "Der schlafende Mann": Ein Traum für immer

S. H.

Auf manchen europäischen mittelalterlichen Gemälden ist die Seele von Sterbenden ein zartes Flügelpaar, das dem Himmel entgegenschwebt. Auch im heutigen Japan können die Seelen fliegen. In "Der schlafende Mann" krabbelt einmal eine Fliege aus der Nase eines rücklings daliegenden Mannes und fliegt davon. "Die herumfliegenden Wesen sind die Seelen der anderen", sagt der alte Mann zu dem Jungen, der die unheimliche Szene beobachtet hat. "Wenn wir träumen, geht unsere Seele spazieren". Später verlässt der Geist diesen Körper endgültig, als Wirbelwind huscht er über den Haushof davon und bringt die Hühner in Aufruhr. Die Versuche, ihn zurückzuholen, scheitern - vorerst. Takushi ist tot. Doch sein Geist lebt in den Bergwäldern.

Dieser Takushi ist "Nemuru Otoko", zu deutsch "Der schlafende Mann". Seit einem Unfall liegt er auf der Matte im dörflichen Familienhaus. Bewusstlos? Fast reglos zumindest. Manchmal schauen Familienmitglieder oder Freunde vorbei, die Mutter wäscht ihm den Rücken. Hinter dem Liegenden geht der Blick ins Freie der grünen Baumlandschaft.

Bäume im Wohnzimmer. Wald und Leuchtreklame. Teekessel und Satellitenschüssel. Ein kleines Haus in den Feldern, darüber eine Autobrücke, im Hintergrund die Berge. Bauern und indonesische Bardamen, radelnde Schulmädchen und Elektriker. Das Ineinanderfließen von Disparatem gibt diesem Film eine fast schwebende bewegte Ruhe. Bauernleben und Karaoke-Bar werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern finden zusammen. Und darüber scheint immer wieder der ab- und zunehmende Mond, der im Fensterausschnitt von Takushis Zimmer wiederkehrt.

Regisseur Kohei Oguri setzt in seinem vierten Film, einer Auftragsarbeit für die Provinzregierung, ganz auf die ästhetische Balance. Inhaltlich ist er Traditionalist. Veränderung heißt nicht Fortschritt. "Ihr seid wach - und was macht ihr?" anwortet Takushis Mutter den Nachbarn, die die Nutzlosigkeit des seltsamen Kranken kritisieren. Zwischen Orten, Lichtverhältnissen, Menschen und Jahreszeiten wird in diesem Film ein Blick auf das Leben frei, das den Tod selbstverständlich einschließt. "Ist der Mensch eine kleine oder eine große Sache?", fragt der Elektriker einmal.

Es erstaunt, wie viel wir an diesem so sehr japanischen Film verstehen. Andererseits könnten wir die Schönheit von "Der schlafende Mann", der manchmal die Grenzen des Kitsches erreicht, vielleicht kaum ertragen, wenn er uns nicht zugleich auch irgendwie fremd wäre. Vor fünf Jahren wurde "Der schlafende Mann" dem Berliner Publikum auf dem Forum des Jungen Films präsentiert und bekam verschiedene Preise. Jetzt kommt er ins Kino. Gealtert ist er um keinen Tag.

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