Kultur : Der Schlüssel zum Schloss

Bernhard Schulz

Die schwierigste Frage haben sich die 15 Damen und Herren bis zum Schluss aufgehoben. Erst auf ihrer abschließenden Sitzung Ende kommender Woche will die "Kommission Historische Mitte Berlin" - so der offizielle Titel des von Bundesregierung und Berliner Senat eingesetzten Gremiums - einen Vorschlag zur Finanzierung des von ihr jüngst empfohlenen Bauwerks auf dem Areal des früheren Hohenzollern-Schlosses verabschieden. Es soll, so hat es der österreichische Kommissions-Vorsitzende Hannes Swoboda angedeutet, kein auf Heller und Cent ausgerechneter Finanzplan, sondern ein Finanzierungskonzept beschrieben werden - ein Weg, der zum Bau des nach gegenwärtigem Sachstand mindestens eine halbe Milliarde Euro teuren Bauwerks beschritten werden kann.

Dass die Haushälter in Bund und Land unter den gegenwärtigen Auspizien nicht eben darauf warten, eine halbe Milliarde Euro in ein Bauwerk in der Mitte Berlins zu stecken, haben alle Beteiligten hinlänglich deutlich gemacht. Schloss-Gegner wie Bausenator Strieder haben denn auch sofort erklärt, Berlin habe keinen Cent übrig für ein solches Vorhaben, und aus dem Bundesfinanzministerium ist Ähnliches zu vernehmen - wenn auch hinter vorgehaltener Hand, gilt die letzte Schloss-Entscheidung doch als Kanzlersache. Insofern überrascht der Eifer, mit dem über das Kommissionsvotum zur äußeren Form des Schloss-Nachfolgebaus seit der überraschend frühen Bekanntgabe am 20. Dezember gestritten wird. Zehn Jahre währt nun schon die Debatte. Nahezu alle Argumente sind hin und her gewendet worden. Fast immer gingen sie munter durcheinander, wurden städtebauliche, architektonische, denkmalpflegerische und historische Gesichtspunkte vermengt.

Gleichwohl vermögen auch wir Nachgeborenen uns heute vorzustellen, wie das Schloss, das Herzstück des brandenburgisch-preußischen Staates, in den letzten Jahrzehnten vor dem Krieg und bis zur mutwilligen Beseitigung im Jahr 1950 ausgesehen hat. Kaum ein Teilnehmer der Debatte besitzt ja noch eigene Erinnerungen an den Baukomplex. Die Bilder, die deren Stelle einnehmen, beruhen in der Regel auf einigen häufig reproduzierten Fotografien aus der Zeit des Kaiserreichs.

Der Geniestreich einer Plastikplanen-Simulation des Schlosses, die der Wiederaufbau-Verfechter Wilhelm von Boddien 1993 bewerkstelligte, lag genau darin, dass sie erstmals eine sinnliche Erfahrung der Größe und Monumentalität des Hohenzollern-Bauwerks vermittelte. Erst dieses Erlebnis hat die zuvor reichlich theoretische Debatte zur Angelegenheit einer breiten Öffentlichkeit werden lassen.

Die städtebauliche Bedeutung des Schlosses steht seither außer Frage. Es bildete das Scharnier zwischen dem alten, wildwüchsigen und eng bebauten Berlin im Osten und den planmäßigen Erweiterungen im Westen. Zumal Schinkels klassizistische Neubauten des Alten Museums und der - gleichfalls auf Geheiß der SED abgebrochenen - Bauakademie haben das bereits ein Jahrhundert ältere Barockschloss in ein ungemein bedeutungsvolles Gefüge eingebunden, das heute zerrissen ist.

Über den architektonischen Rang des Schlosses gehen die Meinungen schon weiter auseinander. Superlative wie "bedeutendster Barockbau nördlich der Alpen" besagen wenig. Dass Schlüters Schöpfung von hohem Rang war, steht außer Zweifel. Dass aber dieser Rang allein genügte oder gar forderte, das Bauwerk zu rekonstruieren, ist eine ganz andere Frage. Dass eine originalgetreue Rekonstruktion im wesentlichen möglich ist, kann allerdings nicht länger bestritten werden. Denn der Kenntnisstand über das einstige Schloss, dessen kriegsbeschädigte Ruine 1950 auf Geheiß der SED zugunsten eines öden Aufmarschplatzes gesprengt wurde, ist im zurückliegenden Dezennium enorm gewachsen.

Mehr und mehr Schlosstrümmer wurden lokalisiert; so viele offenbar, dass für fehlende Teile des reichen und für unwiederbringlich verloren gehaltenen Bauschmucks Anschauungsmaterial zur Verfügung stünde. Zuletzt machte der dritte Band der Schloss-Publikation Goerd Peschkens Furore, der mit einer ungeahnten Fülle exakter, teils farbiger Innenaufnahmen aufwarten konnte. Damit wurde auch der gern vorgebrachte Einwand gegen eine Rekonstruktion, das Gebäudeinnere sei zu wenig dokumentiert, eindrucksvoll widerlegt.

Tatsächlich - und das ist in der Diskussion anfangs weit stärker beleuchtet worden - geht es nicht allein und nicht einmal in erster Linie um die ästhetische Frage nach dem "schönsten" Bauwerk an diesem prominenten Ort Berlins. Es geht um unser Verhältnis zur Geschichte. Die Furcht vor einem Wiederaufleben der unseligen Seiten Preußens, seiner Militärseligkeit und seines reaktionären Staatsaufbaus, darf man in der Bundesrepublik anno 2002 ff. als erledigt bezeichnen. Was aber bleibt, ist das Fehlen eines einzigartigen und unersetzlichen Zeugnisses der preußisch-deutschen Geschichte, das in diesem über die Jahrhunderte gewachsenen Schlosskomplex Gestalt gewonnen hatte. Dass ausgerechnet diejenigen Geister, die ansonsten jedes noch so unscheinbare Geschichtszeugnis bewahren wollen, vehement für die 1950 von Ulbricht herbeigesprengte Geschichtslosigkeit des Schlossareals votieren, zählt zu den Eigentümlichkeiten der Debatte.

Soll also die drei Jahre nach der von den Siegermächten verfügten Auflösung Preußens als "Hort des Militarismus" herbeigeführte und mit dem Bau des "Palasts der Republik" 1976 lediglich teilmodifizierte tabula rasa beibehalten werden? Oder soll der Zusammenhang, aus dem heraus Berlin seine historische Stellung erlangt hat und aus dem sich mindestens die Mitte der Stadt erklärt, in städtebaulicher und architektonischer Gestalt wieder erfahrbar, modisch ausgedrückt: lesbar werden?

Diesen zweiten Weg hat die Kommission gewiesen. Sie hat sich mit klarer Mehrheit darauf verständigt, ein Bauwerk "in der Stereometrie des Schlosses" zu empfehlen. Ein Bau soll entstehen, der den Fluchtlinien des alten Schlosses folgt, seine Höhe und seinen Umriss aufweist - und zugleich, und damit verringert sich die Kommissionsmeinung auf eine knappe 8 : 7-Mehrheit, an jenen drei Seiten die barocken Fassaden zeigt, wie sie auch der Vorgängerbau besessen hat. Lediglich die vierte, östliche und älteste Seite des Schlosses zur Spree hin solle anstelle der unmöglichen Rekonstruktion mittelalterlicher und Renaissance-Bauteile in zeitgenössischer Formensprache entwickelt werden.

"Eine 1:1-Rekonstruktion des Schlosses" sei "weder sinnvoll und machbar", fasste der frühere Wiener Stadtbaurat Swoboda die Meinung der Kommission zusammen. Das bezieht sich vor allem auf das Gebäudeinnere. Hier ist das Ingenium derjenigen Architekten gefragt, die zu einem beschränkten Wettbewerb geladen werden sollen: eine noble Konkurrenz, die ihren Platz in der Baugeschichte schon vorab sicher haben dürfte. Immerhin sollen "einige wichtige Innenräume" rekonstruiert werden. Man darf es als Verdienst der erwähnten Forschungen zur Baugeschichte ansehen, dass die Möglichkeit einer solchen Rekonstruktion überhaupt erwogen wurde. Sie wird mittlerweile von seriösen Schlossgegnern auch nicht mehr in Abrede gestellt - und anderenorts, etwa beim mittlerweile ein halbes Jahrhundert andauernden Wiederaufbau der kriegszerstörten Münchner Residenz, fraglos praktiziert. Allerdings, so die Kommission, soll lediglich der geniale Schlüterhof des Schlosses wiedererstehen. Offen bleibt, ob er - etwa zum Gebrauch als Festplatz - überdacht werden kann. Der größere, westliche Eosanderhof ist ohnehin wegen des Raumbedarfs der vorgeschlagenen Nutzungen zur Überbauung vorgesehen.

Die Diskrepanz von Innen und Außen, die geforderte Verzahnung der von Schlüter sowie Eosander von Göthe geschaffenen barocken Fassaden mit heutigen Innenräumen und womöglich auch Höfen macht die Kommissions-Lösung zu einem gefährdeten Kompromiss. Das Gremium selbst wird bei bestem Willen kaum etwas zur weiteren Klärung beitragen können. Es ist Aufgabe der Architekten, mit diesen Vorgaben gestalterisch umzugehen. Aus dem Zusammenspiel von historischer Bausubstanz und zeitgenössischen Ergänzungen ist vielerorts Architektur von Rang entstanden - nur besteht am Schlossplatz das Problem darin, die historische Hülle erst nachzuschaffen, in die die neuen Nutzungen eingefügt werden müssen. Ob da nicht bestimmte Anforderungen zu einer anderen, rein zeitgenössischen Formensprache drängen - oder aber, schlechtestenfalls, die barocke Hülle beziehungslos ums neue Innere schlottert?

Der Schlüssel zur Gestaltung des Schlosses und der Balance von Alt und Neu liegt in den vorgesehenen Nutzungen. Hier hat die Kommission mit ihrem insoweit einstimmigen Votum der zehn Jahre lang im luftleeren Raum bewegten Debatte ihren Boden eingezogen. Drei Nutzer sollen gemeinsam den Schloss-Neubau füllen: die Staatlichen Museen mit ihren Sammlungen außereuropäischer Kulturen, bislang im Dahlemer Museumskomplex weit abseits vom neuen Zentrum beheimatet; die Humboldt-Universität mit ihren wissenschaftshistorischen Sammlungen, wie sie im vergangenen Jahr mit der Ausstellung "Wunderkammern des Wissens" erstmals einer staunenden Öffentlichkeit gezeigt werden konnten; und schließlich die Stadt- und Landesbibliothek, die bislang auf zwei entfernte Standorte in Mitte und Kreuzberg verteilt ist und sich als Magnet mit täglichem Publikumsverkehr anbietet. Wie allerdings diese drei Nutzer zusammenarbeiten sollen - und warum gerade diese und nicht etwa eine andere Konstellation -, das muss, über präliminare Konzeptpapiere hinaus, präzisiert werden, allein schon um überhaupt einen Architekturwettbewerb ausloben zu können.

Die "Nutzungsanforderungen bestimmen im Wesentlichen die innere Gestaltung mit", so nochmals Swoboda Ende vergangenen Jahres. Das ist richtig - aber doch nur unter der Voraussetzung, dass die ursprüngliche Raumdisposition des herrscherlichen Schlosses keine Rolle mehr spielt. So will es die Kommission. Sie hat sich von der historischen Bedeutung des Schlosses als Symbol des preußischen Königtums verabschiedet.

Der Verzicht, das Schloss auch als Geschichtszeugnis zu begreifen und die Reduzierung auf seine - wenn auch herausragende und dem Auge des Betrachters vorrangige - städtebauliche Stellung im Gefüge Berlins führt zu jener gestalterischen Beliebigkeit, die innerhalb der rekonstruierten Fassaden walten soll. Die lästernde Frage der Schloss-Gegner, warum der bundesdeutsche Steuerzahler für ein weiteres Berliner Kulturzentrum aufkommen sollte, gewinnt ihre Kraft aus genau dieser Schwäche des Kompromisses. Wo das Schloss nicht mehr wegen seiner singulären, unersetzlichen Qualität als Geschichtszeugnis gewollt wird, fällt die Frage der Rekonstruktion historischer Bausubstanz der Bewertung nach ihrer Funktionstüchtigkeit, wenn nicht gar dem bloßen Geschmacksurteil anheim.

Eine mit der vergangenen Hülle in Einklang stehende Nutzung bestand zwischen den Kriegen, als das "Schlossmuseum" in der intakten Gestalt der prachtvollen Raumfluchten Genüge fand. Eine heutige Institution, ein Museum preußisch-deutscher Geschichte, müsste eine Mischung aus Kunst-, Kunstgewerbe- und Geschichtsmuseum sein. Denkbar wäre auch, die an ihren jetzigen Standorten zu wenig besuchten Institutionen Gemäldegalerie und Kunstgewerbemuseum im Schloss attraktiv anzusiedeln. Die Kommission hat sich mit solchen Gedanken nicht befassen mögen. So waren die drei Nutzer, die sich allesamt selbst ins Spiel gebracht haben, hochwillkommen, sind sie doch ohnehin schon Empfänger beträchtlicher öffentlicher Zuwendungen für die Zwecke, die sie am Schlossplatz zusammenfassen wollen.

Doch der Zusammenhang zwischen Nutzung und baulicher Gestalt muss präzise dargelegt werden. Hierauf schuldet die Kommission in ihrem Abschlussbericht noch eine überzeugende Antwort.

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