Kultur : „Der Schmerz gehört dazu“

Ein Balanceakt: Regisseur Dani Levy über seine Monty-Python- und seine Lubitsch-Seele

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Herr Levy, ist „Mein Führer“ die Antithese zu „Der Untergang“?

Es ist eher eine Reaktion auf die Flut von NS-Dokumentationen, die sich voller Ehrfurcht der „Authentizität“ beugen, ohne moralische Fragen zu stellen. Es ist nicht gut, wenn immer nur Abbilder historischer Fakten zu sehen sind, das macht müde, abgefüttert und bequem. Die Diskussion brauchte einen Aufriss, eine Zersetzung, irgendeine Art von Störung.

Und warum ausgerechnet eine Komödie?

Die Komödie bietet die Möglichkeiten der Zuspitzung, Verdrehung und Verunsicherung, mit deren Hilfe man sich von Lähmung befreien kann. Eine gute Komödie ist für mich antiautoritär, und ich hatte das Gefühl, dass die Aufarbeitung in diesem Land autoritär geworden ist. In Italien, wo es die Filme von Werthmüller, Pasolini und Benigni gab, da ist die Tür viel weiter offen, die Diskussion viel reifer, menschlicher und konfrontativer.

Anders als Benigni konzentrieren Sie sich aber ganz auf die Machthaber.

Ich kann mich an keine Komödie erinnern, in deren Zentrum der Mensch Hitler stand – abgesehen von Chaplins „Großem Diktator“, aber damals wusste man noch wenig. Wer weiß denn, dass Hitler eine kranke, verwahrloste, zerstörte Kreatur war, die als Mensch und dadurch auch als Machthaber völlig unzurechnungsfähig war? Die Verunsicherung, die der Zuschauer erlebt, weil er so nah an diesen Menschen herankommt und Gefühle entwickelt, die man nicht haben darf, ist doch ein spannender Prozess.

Also doch ein aufklärerischer Film.

Diese Komödie beruht auf einem ernsten Ansatz: Der Nationalsozialismus wäre meiner Meinung nach – darüber kann man ja streiten – ohne die Pädagogik, die psychologische und moralische Prägung jener Zeit nicht möglich gewesen. Jedes System wird ja von Menschen erdacht und durchgeführt. Das betrifft die Machthaber wie auch die Mitläufer und Ausführer. In der Psychoanalyse weiß man längst, dass Menschen in Machtpositionen zwanghaft kindliche Erfahrungen reproduzieren. Es gibt auch ein unbestreitbares Verhältnis von Sexualität und Macht. Hitlers Impotenz, seine ungeklärte Herkunft, die Bettnässerei – das Politische liegt immer auch ursächlich im Privaten. Die Frage ist: Wie kann ein privates Leid ein ganzes System ermöglichen? Hitler war kein Einzelfall, er repräsentierte einen Zeitgeist, ein Volk mit einer emotionalen Krankheit.

Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie die Sache im Gegenzug zu stark vereinfachen?

Natürlich vereinfacht ein Film. Wie soll man ein solches Thema in 90 Minuten in die Tiefe erörtern? Eine Komödie muss ja kein ausgewogenes Statement sein, sie ist ein kleiner, subversiver, teilweise wild erfundener Störakt.

Gab es während der Arbeit Momente, in denen Sie dachten, das geht so nicht?

Geschrieben und gedreht habe ich mutig und wild entschlossen. Erst beim Schnitt holten mich die Bedenken ein. Es war eine Zeit voller Krisen, Selbstzweifel, Skrupel. Die Liebesszene zwischen Hitler und Eva Braun etwa flog im Wochentakt aus dem Film raus und wieder rein. Jetzt ist sie Gott sei Dank drin. In meiner Komödiantenbrust wohnen eben verschiedene Seelen, eine Monty-Python- und eine LubitschSeele. Peter Adam, der Cutter, und ich hatten im Lauf des Schnitts das Gefühl, es wäre besser, den Anteil des trashigen Humors zu verringern. Ich wollte nicht, dass der Film zur Witzesammlung wird.

Ihre jüdische Mutter musste vor den Nazis fliehen. Kannte sie das Drehbuch?

Sie las es und seufzte tief. Sie sorgt sich um ihren Sohn, weil sie fürchtet, dass man mich einen Kopf kürzer machen wird. Wir sprachen lange über die Duschszene am Anfang. Sie fragte, ob ich wisse, was ich damit anstelle. Für mich ist es aber wichtig, dass man sieht, dass Adolf Grünbaum aus dem KZ kommt. Schmerz gehört zur Komödie dazu. Meine Eltern, meine Frau und ich haben dann gemeinsam den ersten Feinschnitt auf DVD angeschaut. Ich war aufs Schlimmste gefasst. Aber meine Eltern fanden den Film sogar lustig. Lustig und berührend.

Wie kamen Sie auf Helge Schneider?

Für mich war Helge Schneider immer die perfekte Besetzung. Es ging nicht darum, zu provozieren. Helge bringt Elemente mit, die für den Balanceakt dieses Films perfekter nicht sein könnten – vor allem eine Unambitioniertheit, die ein professioneller Schauspieler nur sehr schwer haben könnte. Als Jazzer bringt er auch ein Gefühl für Rhythmus mit: das wichtigste Instrument für einen Komödienschauspieler! Helge hat nicht lang interpretiert, sondern auf ganz bescheidene Weise gesagt: Ich bringe mich und meinen Körper in Hitler ein, ich bin das!

Hitler ist ein dankbares Sujet, weil er an sich schon komisch ist.

Ja, aber Slapstick ist nicht genug. Eine Komödie hat auch die Chance, in die Tiefe vorzudringen. Ich brauchte das Buch des Schauspiellehrers, den es ja wirklich gab, und Alice Millers Studie über Hitlers Kindheit und die „schwarze Pädagogik“ sowie weitere Quellen, die den Privatmenschen Hitler in Bezug zum System setzen.

Die Komik kommt also weniger aus dem Bild als aus der Psychologie?

Eine gute Komödie nährt sich aus dem psychologischen Zündstoff einer Zeit, und sie entsteht immer aus persönlicher Not. Das Funktionierende ist nicht komisch. Das Kranke, das Abgründige, das Widersprüchliche – das ist komisch.

– Das Gespräch führte Sebastian Handke.

Dani Levy, 1957 in Basel geboren, lebt seit 1980 in Berlin.

Er drehte unter anderem die Komödie

„Robbykallepaul“, den Thriller „Meschugge“ und den Hit „Alles auf Zucker“ (2005).

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