Kultur : Der Schmuddelkönig von Soho

Sex, Drugs & schlechte Perücken: „The Look of Love“ im SPECIAL.

Julian Hanich

Dieser Film ist wie ein Blitzlichtgewitter: Er bedrängt den Zuschauer mit so vielen Eindrücken, bis dieser sich die Hände vor die Augen halten oder gar wegsehen möchte. In „The Look of Love“ gibt es keinen Moment der Ruhe, keinen dramaturgischen Bogen, keine emotionale Entwicklung. Immer nur Impressionen, ständig nur Sensationen. Gut, einige der doppeldeutigen Anzüglichkeiten sind nicht frei von Witz, gehen aber meist in den deutschen Untertiteln verloren. Dabei hätte der Regisseur Michael Winterbottom mit der Geschichte des englischen Softporno-Verlegers, Nachtklub-Betreibers und Immobilien-Händlers Paul Raymond (1925–2008) dankbares Material an der Hand gehabt.

Paul Raymond – Autokennzeichen „PR“ – ist ein begnadeter Selbstvermarkter, der in jedes Mikrofon zu sagen pflegt: Mit fünf Schilling bin ich einst aus Liverpool nach London gekommen – und, seht her, was aus mir geworden ist? Raymond bringt es von den sechziger bis in die achtziger Jahre mit viel hedonistischem Aktionismus nicht nur zum schmuddeligen „King of Soho“, er wird später sogar zu einem der reichsten Männer Großbritanniens. Glaubt man dem Film, kommen Raymond dabei vor allem seine Instinkte, eine Prise Charisma und erstaunlich viel Koks zugute. Die Drogen sind es letztlich auch, die zu seinem Niedergang beitragen. Denn seine geliebte Tochter Deborah (Imogen Poots), wird an ihnen zugrunde gehen. Und damit auch Raymond. Der Komiker Steve Coogan spielt ihn als Kauz mit angepapptem Bart und strohigem Haaraufsatz. In diesem seltsamen Detail drückt sich die Unentschiedenheit Winterbottoms aus: Einerseits rekonstruiert seine Crew in viel Kleinarbeit das Bild der Zeit, andererseits konterkarieren groteske Perücken und erkennbar aufgeklebte Schambehaarung die Ernsthaftigkeit seines period piece. Letztlich weiß Winterbottom nicht, welchen Ton er anschlagen soll. Sein Film taumelt und schlingert zwischen Komödie und Melodram, ohne etwas davon zu sein: nicht zum Lachen, sondern lächerlich. Weinerlich, aber nicht zum Weinen. Immerhin: Diese viertelerotische Biopic-Revue hatte Premiere im Friedrichstadt-Palast. Das passt. Julian Hanich

16.2., 15 Uhr (Friedrichstadt-Palast), 17.2., 22 Uhr (HdBF)

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