Kultur : Der Schnitt durchs Auge

Silvia Hallensleben

Die Berliner sollen das siebtschnellste Volk der Welt sein, das haben britische Forscher festgestellt. Kaum zu glauben für die Autorin, die regelmäßig die S-Bahn verpasst, weil der Berliner doch auch eine starke Tendenz hat, jede eigene Bewegung zu vermeiden, sobald er auf fremdbewegtem Grund steht. Oder sind die vielen Rolltreppensteher alles Zugereiste aus dem trägen Bern? Das Stereotyp von der Schweiz als biederem Uhrmachervölkchen wird in einer kleinen Filmreihe zurechtgerückt. Swiss Made: Präzision und Wahnsinn heißt das Programm mit insgesamt sechs langen und kurzen Filmen über vertüftelte Spinner und eigensinnige Bastler, das ab heute in Anlehnung an eine Ausstellung im Wolfsburger Kunstmuseum im Arsenal präsentiert wird.

Mit dem Duo Peter Fischli / David Weiss (Der Lauf der Dinge, heute) und Pipilotti Rist (Entlastungen – Pipilottis Fehler, am Freitag) sind einige der prominenteren Schweizer Künstler dabei als Filmemacher vertreten. Fasziniert neben die Kunst stellt sich dagegen Peter Liechtis melancholisches Porträt des Schweizer Aktions-Bildhauers Roman Signer (am Freitag nach Rists Kurzfilm), der mit explosiven Experimenten Raum- und Zeitprozessen auf den Grund geht. Dabei lässt „Signers Koffer“ fast wie nebenbei aus fliegenden Fetzen und Stuhlbeinen philosophische Reflexion entstehen.

Luis Buñuels Meisterwerk Der andalusische Hund schockiert bis heute, nicht nur wegen seinem legendären Schnitt von einer den Mond spaltenden Wolke auf ein Auge, das von einer Klinge zerschnitten wird. Im Filmkunst 66 ist Buñuels Film Freitag und Samstag in einem Spätprogramm mit Kurzfilmklassikern zu sehen, das mit Maya Deren, dem Cartoonisten Tex Avery, Roman Polanski, Jan Svankmajer und David Lynch höchst unterschiedliche Filmemacher zu einer ungewöhnlichen Reise durch ein halbes Jahrhundert surrealistischer Filmgeschichte vereinigt.

Als spätsurrealistischen Film könnte man auch Tausendschönchen einordnen, den Film, der die tschechische Regisseurin Vera Chytilowa 1966 berühmt machte. Auch ihren jüngsten Film Hezké chvilky bez záruky (Pleasant Moments) , am Montag im Blow Up zu sehen, darf man getrost als boshafte Satire auf die seelischen Verzerrungen der tschechischen Nachwendegesellschaft interpretieren. Der Film folgt der Psychologin einer Prager Partnerschaftsberatung durch ihr ebenso bewegtes Berufs- und Familienleben und eröffnet ein Panorama an mehr oder wenig bizarren Persönlichkeitsstörungen. Der komplette Verzicht auf konventionelle Spielfilmdramaturgie zeigt, dass Chytilowa ihren subversiven Geist auch mit fast 80 Jahren nicht verloren hat.

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