Kultur : Der schöne Boxer

Vom Ich zum Wir: Das Panorama präsentiert schwule Helden

Frank Noack

Berlinale-Besucher sind manchmal empfindlicher als das gewöhnliche Kinopublikum. Wer erinnert sich nicht an die empörten Abgänge mit heftigem Türenknallen bei „Enemy at the Gates“, lange bevor der Film an Qualität verlor? Oder die Rektionen bei Patrice Chéreaus „Intimacy“? Wo Blut und Sperma fließen, muss das Publikum offenbar vorgewarnt werden. Entsprechende Vorwarnungen sind auch bei einigen Panorama-Beiträgen nötig. Der Schwerpunkt dieser Reihe lag schon immer bei schwul-lesbischen Themen. Dieses Jahr ist kaum Lesbisches vertreten, dafür viel Schwules und eine bizarre Transsexuellen-Geschichte: Beautiful Boxer von Ekachai Uekrongtham handelt von einem thailändischen Kickboxer, der sich Geld für eine Geschlechtsumwandlung zusammenspart (morgen 14.30 Uhr, International; 8.2., 22.30 Uhr, Cinemaxx 7; 9.2., 15 Uhr, Cinestar 3; 10.2. 22.45 Uhr, Cinestar 3).

Die Regisseure der schwulen Filme zeigen weniger Hemmungen denn je. Sie profitieren von einer merkwürdigen sexuellen Doppelmoral: Jahrhunderte lang wurden die abwegigsten Handlungen zwischen Mann und Frau toleriert und harmlose Streicheleien zwischen Männern verteufelt. Heute ist es umgekehrt. Da Alice Schwarzer & Co. ausschließlich der heterosexuellen Pornografie und Prostitution den Kampf angesagt haben, bewegen sich Schwule im rechtsfreien Raum. Wer sie angreift, greift eine diskriminierte Minderheit an. Das tut man nicht. Deshalb können Schwule heutzutage auch unfähige Politiker sein, und niemand kritisiert sie aus Angst vor dem Homophobie-Vorwurf. In welcher Weise profitiert nun die Filmkunst von der spät erlangten sexuellen Freiheit?

Sparsam dosiert, lassen sich explizite Sexszenen durchaus rechtfertigen. Der Spanier Miguel Albaladejo beginnt seinen Film Cachorro mit einem Knalleffekt: Er präsentiert Männer beim Sex, die schon etwas älter und übergewichtig und sehr behaart sind. Solch eine Kampfansage an den Schlankheitsterror hat das Kino bisher nicht gewagt. Der Regisseur ist trotz seines drastischen Einstiegs nicht an weiteren Provokationen interessiert. Er beschreibt, wie ein schwuler Zahnarzt um das Sorgerecht für seinen Neffen kämpft, dessen Mutter in einem indischen Knast gelandet ist, und macht aus dem Stoff ein niveauvolles Rührstück (morgen 22.30 Uhr, Cinemaxx 7; 8.2., 15 Uhr, Cinestar 3; 9.2., 20.15 Uhr, Cinestar 3; 14.2., 21.30 Uhr, Zoo Palast).

Einen flotten bisexuellen Politporno liefert Bruce LaBruce mit The Raspberry Reich . Raspberry steht für Jan-Carl Raspe, Reich für Wilhelm (nicht das Dritte) Reich. Der Kanadier La Bruce macht sich über RAF-Terroristen lustig, er respektiert nichts und niemanden, mit dem Ergebnis, dass der Film am Ende nur noch schlingensiefmäßig albern ist. Gedreht wurde in Berlin, mit deutschen Pornodarstellern, die grauenvolles Englisch radebrechen (9.2., 22 .30 Uhr, Cinemaxx 7; 10.2., 15 Uhr, Cinestar 3; 11.2., 22.45 Uhr, Cinestar 3).

Absoluter Tiefpunkt und doch schon wieder empfehlenswert ist der Frustporno Anonymous von und mit Todd Verow. Ein Angestellter verliert seinen Job, weil er am Schreibtisch masturbiert, statt Akten zu bearbeiten. Er wird obdachlos und ist allen möglichen sexuellen Erniedrigungen ausgesetzt, die er – so unangenehm, wie Todd Verow die Figur zeichnet – auch verdient hat. Statt wie beabsichtigt die Einsamkeit in der Großstadt zu behandeln, demonstriert der amerikanische Regisseur nur seine emotionale Armut und seine bemitleidenswerte Ghetto-Mentalität (12.2., 22.30 Uhr, Cinemaxx 7; 13.2., 15 Uhr, Cinestar 3; 14.2., 20.15 Uhr, Cinestar 3).

Auf deutlich höherem Niveau bewegen sich die Filme Brother to Brother von Rodney Evans (9.2., 20 Uhr, Cinemaxx 7; 10.2., 12.30 Uhr, Cinestar 3; 11.2., 20.15 Uhr, Cinestar 3; 15.2., 15 Uhr, Cinestar 3) und Proteus von John Greyson und Jack Lewis (10.2., 20 Uhr, Cinemaxx 7; 11.2., 12.30 Uhr, Cinestar 3; 12.2., 17.30 Uhr Cinestar 3). Evans schildert den Erfahrungsaustausch zwischen zwei schwarzen Schwulen, die Urgroßvater und Urenkel sein könnten . Greyson und Lewis erzählen eine verbotene Liebe, die sich 1725 in einer südafrikanischen Strafkolonie abspielt. Beide Filme verbinden dezente Erotik mit einem politischen Kontext und entschädigen für andere Panorama-Beiträge, die den Körper ohne Geist zelebrieren.

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