Kultur : Der Schrecken, das Ende

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Knapp 33 Jahre ist er her - jener 6. Dezember 1969, an dem Mick Jagger dämonisch und im purpurroten langen Schal über die Bühne von Altamont fegte. Jener Tag habe die Rock-Festivals ihrer Unschuld beraubt, schrieben damals die Kritiker. Unschuld? In der Rock-Musik?

Es war eine andere Zeit. Die Love Generation wollte glauben. Daran, dass Musik Berge versetzen könne, Liebe allmächtig und Acid eine niedliche, gesunde Pille sei. Hatte nicht Woodstock noch vier Monate zuvor das friedliche Happening von 500 000 Menschen gefeiert? Doch für manche war schon dieses Spektakel nur haarscharf an jener Katastrophe vorbeigeschlittert, die sich dann in Altamont ereignen sollte: 850 Verletzte und vier Tote.

Einer davon: Meredith Hunter, ein 18-jähriger Schwarzer. Noch steht er inmitten tobender Fans nahe der Bühne, dann blitzt ein Messer auf, Hunter wird von einem Hell´s Angel erstochen. Just in dem Augenblick, als Mick Jagger sardonisch röhrt: „Under my thumb - It´s all right". Die Szene im schaurigen Halbdunkel bildet den Höhepunkt von „Gimme Shelter", der einzigartigen Dokumentation über die Amerika-Tour der Rolling Stones. Altamont war das Ende von Love & Peace: „Gimme Shelter", ursprünglich eine Auftragsarbeit, zeigt das ohne Verklärung.

Vor zwei Jahren tontechnisch generalüberholt und um zwei Minuten verlängert, hält der Film auch heute noch ästhetischen und inhaltlichen Ansprüchen stand. Ausgerüstet mit leichtem Equipment wollte die Crew spontan, doch genau filmen – wie das „direct cinema“ es für den Dokumentarfilm Anfang der 60er Jahre propagierte. So zoomen sich die Kameramänner, unter ihnen George Lucas, durch Sessions und Interviews, teilen Backstage-Minuten und die Stones-Euphorie. Bis sich die Masse Mensch über die Hügel Altamonts ergießt. Dicke Frauen krabbeln nackt durchs Bild, Drogentester quälen sich durch Höllentrips, als Ordnungskräfte tuckern die Hell´s Angels saufend durch die Menge. Und dann: „Under my Thumb“: Der Mord geschieht, die Show geht weiter.

Später sieht man die Stones im Schneideraum ernüchtert auf die brutalen Sequenzen starren. Die Bilder des Films sind beredter als Schuldzuweisungen und Stellungnahmen – und schaffen Bezüge zum Heute. Ob Altamont oder Love Parade - gegen Massenpanik, Aggression und Mord ist keine Jugendbewegung, kein Musikstil und kein Bühnengott gefeit. Cristina Moles Kaupp

In Berlin im Kino Balazs

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