Kultur : Der Schrecken der Schönheit: Aufstand der Kuscheltiere

Elfi Kreis

Sie küssen und sie schlagen sich - symbolisch nur, mit atemberaubender Schnelligkeit und akrobatischem Geschick. Ähnlich wie beim Schattenboxen hagelt es abwechselnd Ohrfeigen, oder Kusshände fliegen durch die Luft: Es ist ein Spiel, das chinesische Bienchenspiel. Den Mitspielern fordert es einiges an Mimik, Gestik, pantomimischem Geschick und Trinkfestigkeit ab, denn die Verlierer müssen zur Strafe ganze Wassergläser voll Schnaps trinken. Die angeheiterte Stimmung kann deshalb auch plötzlich kippen und umschlagen in offene Aggressivität. Die Kamera dokumentiert das turbulent gesellige Treiben jedoch aus dem Blickwinkel der neutralen Beobachterin.

Diese Videoarbeit mit dem Titel"Fei-Ya! Fei-Ya! / Fly, Fly. (Our Chinese Friends)" war der Beitrag von Ying Bo zur Biennale di Venezia im letzten Jahr. Kaum waren die Kritiken erschienen, outete sich die vermeintliche Künstlerin aus China jedoch als Ingeborg Lüscher: Sie wollte, das ihr Werk für sich allein steht, und nicht als Arbeit einer Künstlerin gesehen wird, die mit dem Biennale-Leiter Harald Szeemann verheiratet ist. Dass viele Videofilme im Werkverzeichnis von Ying Bo dieselben Titel tragen wie die Bücher der Schweizer Künstlerin, war niemandem aufgefallen.

Marianne Grob hat schon vor langer Zeit in Luzern mit Ingeborg Lüscher zusammengearbeitet. Nun eröffnet die Galeristin mit einer Übersicht von Arbeiten der letzten drei Jahre ihre neuen Räume in der Linienstraße. Alle künden von der Faszination für die Farbe Gelb, an der bei Lüscher kein Weg vorbeiführt. "Tegna-Fußgänger" (4-teilig, 6000 Mark): Ganz in Gelb taucht sie die Fotoserie der Wolken, die sich auf dem regennassen Asphalt eines gelben Zebrastreifens spiegeln. Auf einem koreanischen Markt hat sie Fische entdeckt, die am Strand luftgetrocknet und, mit gelben Bast Stück für Stück zu langen, kunstvollen Ketten verknüpft, angeboten werden. ("Senza titolo: Belezze prima del Forno", 3000 Mark).

Am Anfang der Ausstellung steht die übergroße Pupille eines Auges aus der Serie "Chiara" (5500 Mark). Die Biennalearbeit (Buch in Kassette, Auflage 10, 3000 Mark, Video 280 Mark) steht mit einem Augenzwinkern am Schluss. Nicht fehlen dürfen aber auch Beispiele der Schwefelarbeiten. Die aktuelle Installation kombiniert "Cesti", Körbe, (2000 bis 5000 Mark) und reliefartige Bilder (8000 und 12 000 Mark).

Herausragend ist die Fotoinstallation "Plüschvögel" (3600 Mark). Im ersten Augenblick wirken die übergroßen Aufnahmen der Enten unschuldig: nettes Kinderspielzeug. Doch die Szenerie kippt in ihrer psychologischen Wirkung rasch um und nimmt etwas unbestimmt Unheimliches an. Man muss zwei Mal hinsehen, um im Wechsel von hell ausgeleuchtetem Dotterpelz und tiefschwarzen Schattenpartien Teile eines nackten Frauenkörpers zu erkennen. Unter der Masse von Kuscheltieren wirkt der Akt wie begraben. An Hitchcocks Filmklassiker "Die Vögel" mag der eine denken, andere an die Freundschaft zwischen Lüscher und Patricia Highsmith. Ambivalenz und Vielschichtigkeit, hier zwischen heiterem Tagtraum und Albdruck, sind für Lüschers Kunst charakteristisch. Sie zeigt den Schrecken der Schönheit, das Schöne im Schrecken. Bisweilen öffnet sie dem Betrachter auch einfach nur die Augen für das poetische Potenzial der Realität. Jeder kann es hinter der nächsten Straßenecke finden. Man muss allerdings hinsehen. Das zu zeigen, ist schon viel.Galerie Marianne Grob, Linienstr. 115, bis 18. März; Dienstag bis Freitag 14-19 Uhr, Sonnabend 11-17 Uhr.

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