Der Schriftsteller Armando : Spurensucher und Märchenerzähler

Die niederländische Maler und Bildhauer ist auch als Schriftsteller erfolgreich. Wir veröffentlichen zwei Rezensionen aus dem Tagesspiegel-Archiv aus den 80er und 90er Jahren.

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"Gefechtsfeld 10-4-87", 165 x 225 cm. Typisch für Armando der überwiegende Einsatz von Schwarz und Weiß in allen Schattierungen so wie bedeutungsschwangere Bildtitel, die dennoch viele Assoziationen zulassen.
"Gefechtsfeld 10-4-87", 165 x 225 cm. Typisch für Armando der überwiegende Einsatz von Schwarz und Weiß in allen Schattierungen so...Foto: Armando

Armando ist in Berlin kein Unbekannter. Der Maler mit den Farben Schwarz und Weiß ist zur Zeit in einigen Ausstellungen präsent, in "Waldungen" in der Akademie der Künste, in der Galerie Zellermeyer mit der Serie "Gefechtsfeld" und im Haus am Waldsee ist ein verwaschenes Balkenkreuz, schwarzweiß, mit dem Titel "Preußen" zu betrachten. Kurz nach unserem Gespräch flog er nach Tokyo zu einer Ausstellung, an der er auch teilnimmt. Armandos Bilder hängen in vielen Sammlungen und Museen, als Maler hat er internationales Renommee. Und der Schriftsteller? "Es ist ein verrücktes Gefühl, als Maler ganz oben zu stehen und als Autor hier auf der untersten Sprosse der Leiter wieder anzufangen", meint Armando nach der Lesung in Wolffs Bücherei. Die Leser werden sich vielleicht noch an einige Texte erinnern, die im Feuilleton des Tagesspiegel abgedruckt waren, "manchmal werde ich darauf noch angesprochen", erzählt er. In den Niederlanden ist Armando ein bekannter Dichter, und seine Kolumnen aus dem NRC Handelsblad, "Armando uit Berlijn", hatten es in sich, hielten der Stadt den Spiegel vor. Einige dieser Texte und andere sind nun unter dem bezeichnenden Titel "Die Wärme der Abneigung" auf Deutsch in der Frankfurter Verlagsanstalt, dem dritten Verlag dieses Namens, erschienen. Und es wird sicherlich noch mehr erscheinen, denn Verleger Klaus Schöffling kündigte bei der Premiere seines ambitionierten Unternehmens an, daß er die Autoren pflegen werde, sie nicht als Eintagsfliegen zu behandeln gedenke. "Ich finde das gut, daß es bei dem Verlag dann auch weitergeht", meinte Armando im Hinblick auf seine lange Veröffentlichungsliste in den Niederlanden. Er las nur drei oder vier Texte aus diesem Buch, und die Leute schlugen sich auf die Schenkel.

Armando und die Deutschen. Da bekommt man etwas zu hören, da spielt er mit den Klischees vom ordentlichen Deutschen und den toleranten Holländern. Kennt man alles, denkt man, doch dann bricht er die Erwartung, zerstört das Klischee, hält seinen Landsleuten auch den Spiegel vor, ohne die Deutschen aus ihrem Sosein zu entlassen. Ein genauer Beobachter ist Armando, spürt im Banalen, im scheinbar Nebensächlichen das Wesentliche auf. "Deutsche haben immer mit ihrem Kreislauf zu kämpfen. Man hört sie die Treppe heraufkommen, sie stehen oben vor deiner Nase und schnaufen und was sagen sie dann: oh, mein Kreislauf... Der Deutsche sagt: ich habe es am Kreislauf Wenn man einige Jahre in Deutschland wohnt, kann man es auch am Kreislauf kriegen." Im Niederländischen gibt es kein Wort für Kreislauf, dem ausländischen Beobachter fällt es auf. Armando geht mit den ordentlichen Deutschen ins Gericht, aber fast kann man bei ihm auch eine vorsichtige Vorliebe für die ordentlichen Deutschen entdecken. Sind sie unpünktlich, ist er verärgert. Und die ganz soften Linken, die in Deutschland alles so autoritär finden, sind ihm erst recht suspekt. Auch ein niederländischer Postbeamter kann einen zur Verzweiflung bringen, auch die Niederlande haben Probleme mit Rechtsextremen. Es sind die kleinen alltäglichen Beobachtungen, messerscharf zumeist, die dieses Buch so lesenswert machen, immer auf der Suche nach der Geschichte, den Spuren der Vergangenheit, die ihn überall und immer einholen.

Berlin ist für ihn "eine Stadt voller Orte und Spuren. Oft überwachsene Spuren von einem schaurigen Reich und wahrlich, die vielen Zeugen leben noch", schreibt er in "Reste". Sucht die Kneipen auf, wo sich die älteren Menschen treffen, lauscht ihren Gesprächen, schnappt Fetzen auf, fast scheint es, als ob er süchtig nach diesen Menschen und Orten ist. Spaziergänge durch die Stadt bringen immer wieder Begegnungen mit historischen Orten, denen man die Historie nicht unbedingt mehr anmerkt, man muß es wissen, aber Armando hat ein Gespür für diese Orte. "Machthaber", "Orte", "Gehört und gesehen" legen davon Zeugnis ab. Aber Armando hat noch mehr Themen, Lärm und Stille, Einsamkeit, die "Bedenklichkeit der Schönheit, das Erhabene als Bändigung des Entsetzlichen", nennt er es im Gespräch. Die deutsche Romantik hat es ihm angetan, überhaupt die deutsche Kultur. Wie kommt er dazu? "Das geschah durch einen Zufall. Die Deutschen haben unser Land besetzt, es war Krieg und ich ein kleiner Junge von zehn Jahren. Das hat mich fasziniert und gefesselt. Ich habe in der Zeit viel über die Menschen gelernt."

Armando ist Jahrgang 1929, aufgewachsen neben dem Konzentrationslager Amersfoort. "Es geht mir nicht um das Moralische, vielmehr ist alles, was ich da erlebt habe, eine Metapher für das Leben an sich" Insofern ist deutsche Kultur und Geschichte eher zufällig in sein Gesichtsfeld gekommen, hätte er in England gelebt, wären seine Themen anders gewesen. "Ich interessiere mich wenig für die Triebfedern dieser Dinge, vielmehr ist mein Problem, wie ich die Erfahrung künstlerisch umsetze." Und so ist es kein Wunder, daß in den kurzen Texten auch die Problematik des Künstlers und Schriftstellers behandelt wird. "Man sollte das schreiben oder malen, was sich zwischen dem Wissen und dem Begreifen verbirgt", heißt es in "Die Sehnsucht", auch so ein Wort, das es im Niederländischen nicht gibt. Er hat sie in der Übersetzung von Anne Stolz kursiv setzen lassen, damit der Leser sie als Fremdworte erkennt. Und Armando ist ein Mann, der den Widerspruch liebt, das Widerwort, den Haken, nichts ist glatt. "Kunst taugt nichts. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich Kunst so liebe. Ich liebe Kunst sehr". Seine Prosa ist knapp und kurz, spielt mit der Syntax, benutzt ungewöhnliche Worte, beispielsweise "Streifenpfad". - "Ich finde, "Zebrastreifen" ist ein greuliches Wort". Oder "Tragemusik" für "Transistorradio".

Immer in Bewegung, immer aktiv, obwohl man ihm das äußerlich nicht anmerkt. Bei der Lesung wirkt er ganz ruhig, cool, überlegt. "Ich bin ein unruhiger Typ", meint er aber. Seit 1979 wohnt er in Berlin, die Stadt läßt ihn nicht los. Warum ist er weggegangen? "In den Niederlanden wird man nicht als internationaler Künstler entdeckt. Wenn man das will, muß man fortgehen. Seit ich in Berlin lebe, habe ich viele internationale Ausstellungen gehabt. In den Niederlanden sitzt man sicher, warum sollte man von dort weggehen?" meint er ironisch im Hinblick auf seine Kollegen. "Dort haben sie dann etwas erreicht, aber im Ausland muß man von vorne anfangen". Und das reizt ihn. Die Deutschen werden ihn nun als Autor kennenlernen und demnächst auch als Schauspieler. Verhandlungen über die Aufführung seines Stückes "Heerenleed" stehen an, nach Amsterdam soll nun auch das Berliner Publikum die Chance haben, Armando als Theaterautor und Schauspieler zu erleben. "Ich weiß nicht, was es wird, ich bin gespannt".

Armando: Die Wärme der Abneigung. Aus dem Niederländischen von Anne Stolz Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main. Antiquarisch erhältlich.

Der Artikel ist zum ersten Mal am 7. Oktober 1987 im gedruckten Tagespiegel erschienen.

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