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Der Schriftsteller Michail Schischkin im Interview : „Eine kriminelle Bande hat die Macht usurpiert“

26.06.2013 17:58 UhrVon Manfred Flügge
Man muss die toten Wörter wieder lebendig machen. Michail Schischkin, Jahrgang 1961.Bild vergrößern
Man muss die toten Wörter wieder lebendig machen. Michail Schischkin, Jahrgang 1961. - Foto: picture alliance / Sven Simon

Der Schriftsteller Michail Schischkin hat gerade ein Jahr als DAAD-Stipendiat in Berlin verbracht. Im Tagesspiegel-Interview spricht er über das Regime in Russland – und seine Leidenschaft für Deutschland.

Michail Schischkin, unsere Wege haben sich seltsam gekreuzt, schon vorgeburtlich: Ihr Vater war Matrose auf einem sowjetischen U-Boot, das Jagd auf deutsche Flüchtlingsschiffe gemacht hat. Es hätte das Schiff versenken können, mit dem meine Mutter 1945 von Königsberg nach Dänemark floh. Begegnet sind wir uns aber erst an einem Ort in Nordfrankreich, der mir viel bedeutet. Und nun haben Sie ein Jahr in Friedenau verbracht, zwei Häuser neben meiner ersten Berliner Adresse. Schicksal?

Ja, klar. Man bekommt vom Schicksal alles, was im Leben wichtig ist: die Eltern, die Heimat, die Sprache. Auch die Bücher.

Ein Schriftsteller tut nur so, als habe er die Freiheit, diesen oder jenen Roman zu schreiben. Du kannst deinen Roman nicht wählen, genauso wenig wie dein Kind.

Sie sind nun zum dritten Mal für längere Zeit in Berlin. Erinnern Sie sich an den ersten Besuch?

Berlin wirkt immer inspirierend auf mich. Hier ist mein letzter Roman zu mir gekommen: „Briefsteller“. Zum ersten Mal kam ich 1976 bei einem Schüleraustausch, da war ich 15. Einem Jungen aus der erbärmlichen Sowjetunion kam Ost-Berlin wie das Paradies vor. Zwei Wochen haben auch für die erste Liebe gereicht. Sie hieß Anita. In einer Fremdsprache fällt es leichter, eine Liebeserklärung zu machen. Als ich ein paar Jahre später in meiner Muttersprache eine Liebeserklärung machen wollte, scheiterte ich: Zum ersten Mal machte ich die schmerzhafte Erfahrung, dass alle Wörter tot sind und den Sinn nur verzerren. Ich konnte das, was ich fühlte, nicht in Worte fassen. So wird man vielleicht zum Schriftsteller. Die Sprache wird zum Gegner. Es bleibt nur ein Weg: Man muss die toten Wörter wieder lebendig machen, damit man über die Liebe sprechen kann. Jede echte Prosa ist eigentlich eine Liebeserklärung an Gottes Welt.

In Frankreich glaubt man, das Deutsche sei unpoetisch.

Nicht nur in Frankreich. In unserer Schule wurden die Schüler in zwei Fremdsprachen-Gruppen eingeteilt. Alle wollten Englisch lernen, niemand Deutsch. Die Lehrer drohten: „Wenn du schlechte Noten hast, kommst du in die deutsche Gruppe!“ Ich hatte gute Noten, aber das Pech, dass meine Mutter die Schuldirektorin war. Sie sagte: „Mischa, ich weiß, du hast es verdient, in die englische Gruppe zu gehen, aber du wirst Deutsch lernen. Dann können mir die anderen Eltern nicht vorwerfen, ich hätte dich bevorzugt.“

Ein echter Schicksalsschlag!

Meine Einstellung änderte sich, als ich in der Abschlussklasse in russischer Übersetzung „Mein Name sei Gantenbein“ las. Ich war total überwältigt, denn bei uns war fast alles verboten, was für die Entwicklung der Literatur im 20. Jahrhundert wichtig war. Nicht einmal Nabokov oder Joyce wurden publiziert. Dank Max Frisch kamen die Errungenschaften der westlichen Prosa wie durch einen Trichter in mich hinein. Ich habe dann „Stiller“ im Original aufgetrieben und mit dem Wörterbuch gelesen. So begann meine Liebe zur deutschen Sprache, die bis heute anhält. Viel später übrigens wurde ich von Max Frisch enttäuscht, aber das hatte nichts mit der Sprache zu tun.

Welche deutschen Autoren haben Sie geprägt?

Als Germanistikstudent musste ich ja alles lesen, was bei uns an der pädagogischen Lenin-Hochschule unterrichtet wurde, vor allem Klassiker aus dem 18. und 19. Jahrhundert und viele DDR-Autoren. Ich hatte aber mein eigenes Programm. Ich weiß noch, wie ich Rilke, Borchert, Hesse, Jünger, Handke, Celan, Benn, Ilse Aichinger mit großem Interesse las. Inzwischen ist für mich ein Autor sehr wichtig geworden, der in der Sowjetunion völlig unbekannt war: Robert Walser. In diesem Jahr habe ich seinen „Spaziergang“ ins Russische übersetzt und einen großen Essay über ihn geschrieben „Walser und Tomzack“. Ich hoffe, der Text erscheint bald auch auf Deutsch.

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