Kultur : Der Schriftsteller sucht bei einer Mosse-Lecture den Ort seines Schreibens

Gregor Dotzauer

Der Weg ins innerste Afrika führt vom Spittelmarkt hinüber in die Schützenstraße, hinein ins marmorglänzende Atrium des Mosse-Zentrums, wo die deutsche Elf Oil residiert. Gläserne Aufzüge, die in den Himmel schweben. Schmuckerker bis unters Dach. Unendliche Echoräume für jedes Wort, das unten, auf dem Boden dieses Industriedenkmals, gesprochen wird. Eine Kathedrale des Kapitalismus. Hier beginnt der schwarze Kontinent, und hier erscheint auch schon der Expeditionsleiter, ein freundlicher Sachse von 60 Jahren: "Volker Braun. Der Gang ins Innerste Afrikas. Ein Werkstattbericht". Er wirft einen prüfenden Blick in den Himmel, weil auch er noch nie von hier aus losgezogen ist. Doch er muss bei jedem Wetter aufbrechen, und tatsächlich bekommt er es mit dem "Regen der Theorie" zu tun und später sogar mit dem Wirbelsturm El Niño.

Brauns von der Humboldt-Universität veranstaltete Mosse-Lecture ist eine große Komposition von Texten aus zwanzig Jahren, die man sowohl als fortschreitende Übermalung früherer Textstufen wie als das palimpsestartige Freilegen alter Themen begreifen kann. Ein Versuch, den Ort eines Schreibens zu benennen, das sich über den Mauerfall hinweg ein Bewusstsein von der Barbarei dieser Welt erhalten hat und am Dunklen rührt, am Herz der Finsternis. "Kann ich den Ort nennen, von dem aus ich schreibe. Man wird mich aufspüren wollen, umzingeln und festhalten, ich müßte mit Reportern, mit den Behörden verhandeln und mich rechtfertigen. Unvermeidliche Missverständnisse, dabei ist es ein unbewohnter Ort, ich kann ihn, ehrlich gesagt, nicht buchstabieren, und ich bin nur versuchsweise hier, vielleicht nur für diesen Text. Es ist ein Dschungel, ein armer Wald, rohe Schluchten. Ich halte mich nicht versteckt, allein die Abgelegenheit hält mich verborgen, die Einsamkeit meines Lagers unter dem Nachthimmel. Stille, die von Schüssen hallt." So hat es Braun einmal in einem Text über Peter Weiss gesagt, und schon daran sieht man, dass Braun nichts fremder ist als billige Kulturkritik.

Auf den ersten Metern Brecht. Wer sonst als Brauns Lehrmeister, dessen Vorschläge im Lauf der Jahre allerdings gelitten haben. Im Marschgepäck außerdem Joseph Conrad mit dem "Heart of Darkness", Rimbauds "Illuminationen", Benjamins Passagenwerk, Jean-François Lyotards Diagnose zum Ende der großen Erzählungen, "La Condition Postmoderne", die Modernisierungstheorien von Robert Kurz, die Kritik des Proto-Sozialismus in der DDR durch Rudolf Bahro. Es gibt fast nichts, was Braun nicht auf die erhellendste Weise miteinander verbinden könnte: Fühmann mit Grimmelshausen mit Tschechow mit Fukuyama mit dem Maler Jean-Etienne Lyotard, von dem ein Bild, "Das Schokoladenmädchen", in Dresden hängt. Braun ist schließlich unterwegs in Afrika. Fenster und Durchgänge in alle Richtungen, bis man auf einmal "in der gleißenden Weite eines Gedichts von Eluard" steht.

Brauns analytische Wucht ist seine Assoziationskraft, aufgehoben in den Bewegungen einer dichterischen Sprache, die sich dagegen wehrt, ins Literaturwissenschaftliche übersetzt zu werden. Und sein Denken pariert das, was Alexander Kluge den Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit genannt hat, indem er dem Erinnern Schneisen schlägt zwischen dem Untergang Roms und Lagerfelds Paris und einem Gefühl von Posthistoire: "Das Warten auf nichts / Das ist das Drama: es gibt keine Handlung / Wir wissen es anders und handeln nicht Nein / Wir können nicht anders Das Kleid / ist angewachsen MAN ARBEITET HEUT ZU TAGE ALLES IN MENSCHENFLEISCH". Braun ist ein Dialektiker von Gnaden, nur dass er sich weigert, weiter von Versöhnung zu reden, sondern darauf dringt, die Unversöhnbarkeiten auszusprechen, "mit äußerster Schärfe".

Der Molotow-Cocktail sei das letzte bürgerliche Bildungserlebnis, hat Heiner Müller gesagt. "Die Deregulierung ist die letzte bürgerliche Prosa", sagt Volker Braun. Danach kann nur die Zeit der Poesie anbrechen oder die der totalen Barbarei. Das muss kein Widerspruch sein.

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