Kultur : Der schüchterne Magier

Sanft: Davide Ferrarios „Zweite Hälfte der Nacht“

Marco Benedettelli

Martino, verträumter Nachtwächter im Turiner Filmmuseum Mole Antonelliana, verbringt seine Tage zwischen staubbedeckten Filmrollen. Seine Muse und metropolitane Fee ist Amanda – jeden Abend geht er in das Fast Food-Restaurant, in dem sie jobbt, doch den Mut, sie anzusprechen, hat er nicht. Und dann gibt es Angelo, den Aufschneider aus der Vorstadt, Don Juan und kleinen Autodieb: Amanda ist seine Freundin, aber manchmal liebt er auch andere.

Eines Nachts kommt es zum coup de théâtre: Amanda streitet mit ihrem Chef, versteckt sich im Filmmuseum. Und endlich darf Martino sie in seine magische Welt einladen, eine Welt aus Star-Kostümen, Erinnerungsstücken und Schwarzweißszenen, dem Bilderschatz der Vergangenheit unter der gigantischen Kuppel der Mole Antonelliana.

So verschlingen sich die Schicksale von Martino, Amanda und bald auch Angelo wie in den Buster-Keaton-Stummfilmen, die Martino so liebt. Eine Dreiecksgeschichte – träumerisch, amüsant und voller Leben, vor allem aber eine Liebeserklärung an die Filmkunst. Sie ist die eigentliche Hauptdarstellerin von „Die zweite Hälfte der Nacht“, dem sechsten Spielfilm des Regisseurs, Schriftstellers und Drehbuchautors Davide Ferrario.

Abgesehen vom italienischen Star Silvio Orlando, der das Voice-Over spricht, sind vor allem junge Schauspieler am Werk: Giorgio Pasotti (Martino), mit seinem verträumt-charmanten Gesicht; Francesca Inaudi (Amanda) und, sehr nachdrücklich, Fabio Troiano (Angelo), ebenso ironisch wie direkt. Unter dem Gewölbe der Mole Antonelliana, wo Martino wie ein Eremit in seinem Zauberreich lebt, hat der Film seine stärksten Momente. Wenn Amanda ins Museum hineinplatzt, mitten in eine märchenhafte Szenerie, so wirkt dies wie ein Kurzschluss zwischen Wirklichkeit und Imagination, wie der Beginn eines romantischen Liebesfeuerwerks.

„Die zweite Hälfte der Nacht“, bei der Berlinale 2004 mit dem Caligari-Preis ausgezeichnet, zeigt sehr verschiedene Turins. Ein Turin irrealer Stimmungen. Turin im Nebel. Turin und der Po. Turin mit seinen heruntergekommenen Vorstadtvierteln. Doch bei der Darstellung der einfachen Leute funktioniert Ferrarios Traumkino weniger. Sie kommen – kleiner Mangel eines sonst harmonischen Werks – wie aus der Schublade gezogen daher: ein bisschen naiv, ein bisschen zu grotesk.

Eiszeit (OmU)

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