Kultur : Der Schuh des Känguru

Ein Gedicht: Roger Willemsens „Karneval der Tiere“

Frederik Hanssen

Der Mann hat Mut: Just zu dem Zeitpunkt, da Loriot endgültig zum Säulenheiligen der deutschen Unterhaltungskunst ausgerufen wird, wagt sich Roger Willemsen an eine Neuinterpretation des „Karneval der Tiere“. An jenes „zoologische Bestiarium“ also, das Vicco von Bülow vor vielen Jahren mit einem wunderbaren Kommentar versehen hat, der auf immer untrennbar mit dem Werk des Komponisten Camille Saint-Saens verbunden schien. Diesen Dauerbrenner aller Kinderkonzerte neu zu betexten, ist ungefähr so riskant wie sich an das Remake eines Kinoklassikers à la „Casablanca“ oder „Die Feuerzangenbowle“ zu wagen.

Nun ja, Roger Willemsen, einst smarter Schöngeist für alle anspruchsvollen Fernsehfälle, jetzt scharfzüngiger Deutschlandreisender, hat sich getraut. Mit der Chuzpe des erfolgsverwöhnten Medienstars tritt er an die Rampe – und rezitiert ein Langgedicht, das mit seinen Paarreimen zunächst an naive Kinderverse alter Zeiten erinnert –, um sich dann aber als raffinierte Camouflage-Persiflage zu entpuppen. In der Maske des Fabelerzählers entwirft Roger Willemsen geistreich ein satirisches Gesellschaftspanorama, in dem die tierischen Karnevalsteilnehmer menschlich-allzumenschliche Züge tragen. Wie zum Beispiel die Pinguin-Nonne. Das eitle Tier „zeigt statt dem Silberkreuz /selbstgeschoss’ne Polaroids: /,Mein Dom! Mein Bett! Mein Kloster! / Und hier noch mein Oblaten-Toaster!’“ Ganz anders die Schildkröte: „Und dann stellt man noch erschreckt fest / sie wohnt schlicht bei Bed & Breakfast.“

So hübsch die Buchedition mit neckischen Illustrationen von Volker Kriegel auch gelungen ist – für den vollen Genuss sollte man die geistreichen Viecherverse unbedingt in Willemsens eigenem Vortrag auf CD anhören. Mit seiner charakteristischen, durchaus zum Schmeicheln neigenden Stimme serviert er die Bosheiten charmant wie ein französischer Conférencier. „Halten, außer Müll zu trennen / Mahnwachen für Legehennen, / wollen nur mit Lichterketten / Afro-Hühnerleben retten“, heißt es über politisch korrektes Federvieh. Das Herumgehühner stößt allerdings nicht überall auf Begeisterung: „Winkt es mit der Bürzeldrüse / kriegt der Dirigent die Krise, / ,Aus’, schreit er, ,Finito! Fin!’ / Hähnchen stirbt als Coq au Vin.“

Jeder wird in Willemsens wirbelndem Wildtheater auf gute Bekannte treffen. Wer mag, kann im Porträt des Elefanten sogar Berlins Staatsopernchef Daniel Barenboim erkennen: „Auch hat er sich nicht mal geniert / und siebzig Kräne dirigiert, / in einer Grube in Berlin / das ham die Kräne nie verzieh’n. Doch sein Stern ist nicht gesunken / unter so viel Götterfunken.“

Roger Willemsen, Karneval der Tiere. Die CD erscheint bei Lido, das Buch bei Eichborn.

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