Kultur : Der Schuhkarton und sein Deckel

JÜRGEN TIETZ

Die Architektur der Nachkriegszeit hat den Charakter der Steglitzer Schloßstraße nachhaltig geprägt.Doch genauso wie am Kurfürstendamm sind die Bauten der 50er Jahre einem heftigen Veränderungsdruck ausgesetzt.Schon längst wird das stilvoll geschwungene Wertheim-Kaufhaus von Hans Soll (1951/52) durch vorgesetzte Aluminiumlamellen entstellt.Der Flachbautrakt von "Peek und Cloppenburg", mit dem Heinz O.Scheidling gleich gegenüber dem jüngst restaurierten Titania-Palast die Baumasse des Konfektionshauses 1950/53 elegant staffelt, mußte schon vor Jahren zur Steigerung der Verkaufsfläche einer geschlossenen Hauswand weichen.

Bis heute weitgehend unverändert hat sich dagegen das Salamander-Haus an der Kreuzung Ahornstraße erhalten.Klaus Hendel und Horst Haseloff haben das Wohn- und Geschäftshaus 1959/60 errichtet.In enger Abstimmung mit der Berliner Denkmalpflege haben es die Architekten Petra und Paul Kahlfeldt jetzt restauriert.Jenseits der Nierentischromantik kennzeichnen das Salamander-Gebäude die typischen strengen Bauformen der 50er Jahre.Über einem nahezu völlig in Glas aufgelösten Erdgeschoßbereich, in dem sich die Verkaufsräume des Schuhgeschäfts befinden, schließen sich drei weitere Geschosse an.Sie zeigen zur Schloßstraße das klare Raster der industriell vorgefertigten Aluminium-Glas-Vorhangfassade.Den hellen Fenstern stehen die schwarzen Gläser an den Brüstungen gegenüber.Dynamisch schließt ein auf sechs Stützen ruhendes Flugdach den Bau nach oben hin ab.Besonderes Kennzeichen des Salamander-Hauses ist seine fast vollständig gschlossene Fassade zur Ahornstraße.Der grüne Dolomit verleiht dem Bau seinen eigenen Charakter.Nur ein quadratisches Kastenfenster durchbricht je Geschoß die steinerne Wand.Mit dem Dualismus der sich öffnenden Straßenfassade und der geschlossenen Seitenfassade knüpft der Bau an Vorbilder der skandinavischen Architektur der Zeit an.Den rückwärtigen Abschluß bildet ein unspektakulärer Flachtrakt.Er wirkt wie der gerade zur Seite gelegte Deckel des großen Schuhkartons nebenan.

Bereits in den 70er Jahren wurde die passagenartige Eingangssituation, wie sie für 50er-Jahre-Bauten charakteristisch war, zugunsten einer Vergrößerung der Verkaufsfläche beseitigt.Nachdem Aluminiumsfassade und Naturstein in den 90er Jahren zunehmend Schäden aufgewiesen hatten, wurde jetzt eine umfassende Sanierung des eingetragenen Baudenkmals notwendig.

Eines der Hauptprobleme bei der Sanierung von Bauten der 50er Jahre bilden die Fenster.Meist handelt es sich um Metallfenster mit extrem dünnen Profilen.In ihrer Form und Materialität sind sie prägend für den Charakter der Gebäude.Zugleich weisen sie aber oft technische Mängel auf.Ersetzt man sie durch heute übliche industriell vorgefertigte Kunststoffenster, verändert sich die optische Wirkung des Gebäudes vollständig.An die Stelle des feingliedrigen Rasters, wie sie sich durch die Aluminiumstreben beim Salamander-Haus ergeben, würden die breiten, ungeschlacht wirkenden Profile der Kunststoffenster treten.Wie gründlich der Charakter eines Gebäudes durch solche Fenster zerstört wird, zeigt das kleine Hochhaus des "Zentrum am Zoo" an der Budapester Straße.An die Stelle des filigranen graphischen Musters, das Paul Schwebes und Hans Schoszberger in den 50er Jahren durch die Verwendung schmaler Metallprofile gezeichnet haben, ist heute ein matschiger Einheitsbrei getreten.Ein bedeutendes Beispiel der Berliner Architektur des Wiederaufbaus wurde dadurch nachhaltig entstellt.

Daß es auch anders geht, beweist die Sanierung des Stiller-Hauses in der Tauentzienstraße.In dem von Hans Simon 1950/52 wieder aufgebauten Geschäftshaus konnten bei der Sanierung die mit goldfarbig eloxiertem Aluminium verkleideten vertikalen Schiebefenster aus Stahl an der Straßenfassade aufwendig instandgesetzt werden.Als Ergebnis blieb nicht nur der äußere Eindruck des Gebäudes erhalten, sondern auch ein technisches Detail, das den Charakter des Denkmals aus der unmittelbaren Nachkriegszeit ausmacht.Zeitgleich wurde das ungewöhnliche Kragdach des ebenfalls von Hans Simon stammenden Stiller-Hauses in der Wilmersdorfer Straße saniert, das aufgrund seiner runden Öffnungen salopp als "Schirmständer" bezeichnet wird.Beide denkmalpflegerischen Maßnahmen waren Anlaß, dem Unternehmen Stiller 1997 den Berliner Denkmalschutzpreis zu verleihen - die Ferdinand-von-Quast-Medaille.

Die Sanierung der Fenster des Salamander-Hauses erwies sich als besonders schwierig, da es sich um Wendeflügel handelte.Diese technisch besonders anfälligen Fenster wurden im Rahmen der Sanierung durch profillose Drehklappenfenster ersetzt.Dadurch verändert sich bei geöffnetem Fenster zwar das interessante Fassadenrelief.Das feingliederige Raster der Aluminium-Vorhangfassade konnte aber erhalten werden.Aufwendig erneut wurde ebenfalls die schadhafte Natursteinfassade mitsamt ihren undichten Kastenfenstern.Das charakteristische Flugdach des Salamander-Hauses blieb ebenfalls erhalten.Von der Schloßstraße aus nehmen Passanten die unter dem Dach zusätzlich eingebaute Wohnung kaum wahr.Damit der Gesamteindruck des Hauses nicht gestört wird, hat das Büro Kahlfeldt die Außenwände der Wohnung weit hinter die gläserne Dachbrüstung zurückgezogen und damit eine denkmalverträgliche Lösung realisiert.

Um die Funktionalität des Ladengeschäfts im Erdgeschoß des Gebäudes zu verbessern, wurde der anschließende Anbau durch einen leicht höheren Neubau ersetzt, der seine Grunddisposition aufnimmt.Der durchlaufenden Glasfront des Altbaus schließen sich die vier großformatigen Fenster des Anbaus an.Statt durch entstellende Veränderungen den Charakter des Salamander-Hauses zu verändern, wurde durch die kostenintensive Sanierung ein für die Identität der Schloßstraße prägender Bau der 50er Jahre erhalten.

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