Kultur : Der schwarze Mond

Christina Tilmann

Wie mit Stacheldraht ist die Abtei umzäunt, von nervösen, verknoteten Tuschestrichen umrankt wie mit einer Dornenkrone. Am Himmel, der noch golden leuchtet, ein Tintenklecks: der schwarze Mond. Der Wiener Maler Arnulf Rainer hat Caspar David Friedrichs berühmtes Bild „Abtei im Eichwald“ aus der Berliner Nationalgalerie übermalt – und dem düsteren Bild, dessen abgestorbene Bäume sich in den Himmel recken, noch mehr Todesstimmung verpasst.

Mit 20 Übermalungen eröffnet die Alte Nationalgalerie in Berlin nun einen Dialog zwischen den beiden ungleichen Partnern: Caspar David Friedrichs Meisterwerke, nach langem Streit nun prachtvoll im Hauptsaal des dritten Obergeschosses angekommen, finden ein Echo in einem kleinen Seitenkabinett. Arnulf Rainer, der seit den 50er Jahren eigene Bilder und Fremdmaterial übermalt – „auf ein leeres Blatt Papier kann ich nicht zeichnen“, hat er einmal gesagt – nähert sich dem großen deutschen Romantiker mit Respekt.

Nicht mehr die „produktive Destruktion“, wie es der Kunsthistoriker Werner Hofmann nannte, das brutale Übermalen und Auslöschen der Vorlage mit dicken schwarzen Strichen steht im Vordergrund der jüngsten Zeichnungen: Fast zärtlich fährt der 73-jährige Künstler mit dünnen, kalligrafischen Tuschestrichen die Konturen der Berge, der Bäume nach, betont Ackerfurchen und Gebäudestreben, taucht die leeren Landschaften in pastelliges Gelb oder Blau. Oder er setzt ein eigenes Gebilde in den Raum, eine doppelte Rombenform, die Berg und Horizont, Weg und Ackerrand verknüpft (Foto: Galerie Dittmar, Berlin). Und über dem Eismeer türmt sich, elegant in die Höhe geschnellt, ein surrealistisches Gespinst, das an Dali und Max Ernst erinnert.

Aggressiv wie vieles im Werk des jungen Rainer ist hier nichts mehr: Aus dem Schwarzmaler ist ein schwarzer Romantiker geworden, der seine Bilder am Rande blutrot signiert. Auch das Thema Landschaft ist relativ neu: Die 1999 bis 2001 entstandenen Caspar-David-Friedrich-Bilder, Leihgaben der Berliner Galerie Peter Dittmar, die sie im Herbst 2001 schon einmal zeigte, sind der jüngste Zyklus des Künstlers. Brutal jedoch bleibt der Eingriff in die Vorlage: Rainer verwendet Reproduktionen gängiger Kunstwerke, die er nicht nur übermalt, sondern auch ausradiert und auskratzt. Das Ergebnis aber ist Poesie: So schimmert das Meer besonders hell, weil es mit unzähligen Strichen ausgekratzt ist. Während sanft das Mondlicht auf den Wellen schläft. (bis 16. November, Di bis So 10 bis 18, Do bis 22 Uhr, Faltblatt 1 Euro, Katalog 20 Euro)

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