Kultur : Der Schwebende

KLAUS HAMMER

Die Kunst Ernst Barlachs hat ihren Ursprung in der norddeutschen Landschaft, aus der er kam und in der er die meisten Jahre des Lebens verbrachte.Seit 1910 lebte der in Wedel an der Unterelbe geborene Künstler in dem mecklenburgischen Städtchen Güstrow.Aber ist Barlach deshalb ein "nordischer" Künstler, wie es jetzt zwei Ausstellungen nahelegen wollen? Mit dem Süden verbindet ihn kaum etwas, aber aus dem Osten, während seiner Rußlandreise 1906, erhielt er seine wohl wichtigste Inspiration: "Diese verblüffende Einheit von Innen und Außen, dies Symbolische".Barlach selbst hat sich als Fortsetzer der großen deutschen Bildschnitzer des Mittelalters gesehen.

In seiner "Kunstgeschichte" von 1926 rühmte Carl Einstein Barlachs "Kraft zum Mythischen", die "Schau einer ekstatisch oder verloren pilgernden Welt".Dagegen hat eine jüngst zuendegegangene Ausstellung in der Kunsthalle Kiel nachzuweisen versucht, daß Barlach dem Formenkanon der internationalen Moderne doch sehr viel näher gestanden haben muß, als er es sich selbst bewußt gewesen war.So mag der Titel "Artist of the North" für die große Barlach-Ausstellung in Rostock - wo er vor 60 Jahren als "entarteter Künstler" verstarb - mehr oder weniger als Verlegenheitslösung erscheinen, wohl der Absicht geschuldet, den Norddeutschen nun auch in Nordeuropa bekanntzumachen.Denn im Rahmen der Ostseekulturinitiative Ars Baltica wird die Ausstellung nicht nur in Rostock und Wedel, sondern auch in Gdansk (Danzig), Helsinki und Aalborg zu sehen sein.

Etwa 50 Skulpturen, 30 Zeichnungen und über 70 Holzschnitte und Lithografien sollen einen Einblick in das Gesamtwerk des Künstlers geben.Darunter befinden sich die frühen Bettler, Bauern und Hirtenfiguren in ihrer doppelbödigen Symbolik, der "Rächer" von 1914 und der "Flüchtling", die blind wütende Kriegsfurie und der von ihr Gejagte.Seltsam entrückt wirken der "Träumer" (1925) und der in sich versunkende "Lesende Klosterbruder" von 1930.Dagegen kämpft sich der "Wanderer im Wind" (1934) unbeirrt durch die Naturgewalten, während Figuren wie der "Singende Mann" oder der "Flötenbläser" mit ihren wild bewegten Gewändern das Musikalische als sichtbares Gleichnis ausdrücken.Barlachs eigene Züge trägt der "Zweifler", der kniend die Hände ringt.Die "Lachende Alte" (1937) scheint das gemeine Lachen wie eine innere Erschütterung überfallen zu haben.

Das Konzept der Rostocker Ausstellung durchbricht bewußt eine chronologische Reihenfolge zugunsten thematischer Zuordnungen.In fünf Gruppen ganz unterschiedlichen Charakters "Bauern, Bettler, Vagabunden", "Sage, Märchen, Mythos", "Werden, Sein, Vergehen", "Zerstörung, Not, Entsetzen" und "Klang, Bewegung, Stille" wird das Werk dargeboten.Doch hätte es näherer Erläuterungen bedurft, um sie für den Besucher verständlich zu machen.

Demgegenüber sind die Barlach-Gedenkstätten in Güstrow mit dem Atelierhaus am Heidberg und der Gertrudenkapelle für die Verwaltung des Nachlasses verantwortlich.Ungefähr 300 Plastiken, 1200 Zeichnungen sowie Skizzenbücher, Briefe und Manuskripte werden hier aufbewahrt.Seit der Stiftungsgründung 1994 ist eine umfangreiche Sanierungsarbeit geleistet worden.Die Hinterlassenschaft von Marga Böhmer, Barlachs Lebensgefährtin, konnte für Güstrow bewahrt werden.Umfangreichstes Vorhaben ist eine kritische Barlach-Werkausgabe, an der auch die Güstrower Barlach Stiftung beteiligt ist.14 Bände sollen bis 2006 im Seemann Verlag Leipzig erscheinen, der erste Band mit der Neubearbeitung der Stücke "Der arme Vetter" und "Die echten Sedemunds" liegt bereits vor.

Höhepunkt der Aktivitäten ist jedoch die Einweihung des großzügigen, architektonisch anspruchsvollen Museumsneubaus des Kieler Architekturbüros Hoffmann und Krug als Ergänzung zum Atelierhaus.In einem Skulpturenhof können so nun auch Werke aus dem künstlerischen Umfeld Barlachs gezeigt werden.Von der Stirnseite des Lichthofes grüßt den Besucher Barlachs blinder Bettler auf Krücken, diese ergreifende Verkörperung von menschlicher Hinfälligkeit.Die Eröffnungsausstellung "Ernst Barlach - Das Güstrower Ehrenmal" widmet sich Werk und Wirkungsgeschichte des weltberühmten "Schwebenden".Erstmals werden alle Arbeiten, die mit der Skulptur in Verbindung gebracht werden können, an einem Ort zusamengeführt.

1926 hatte Barlach von der Güstrower Domgemeinde den Auftrag zu einem Mahnmal für die Gefallenen des 1.Weltkrieges erhalten.Schon ein Jahr später wurde das Güstrower Ehrenmal, eine schwebende Bronzefigur mit den Gesichtszügen der Käthe Kollwitz, eingeweiht.Zehn Jahre später wurde die Skulptur durch die Nationalsozialisten abgehängt und eingeschmolzen.Immerhin wurde das dazugehörige Modell von Freunden Barlachs gerettet, die 1939 einen Zweitguß herstellen ließen.Dieser hängt seit 1952 in der Kölner Antoniterkirche.Ein dritter Abguß des Schwebenden kehrte 1953 in den Dom zu Güstrow zurück.Der Zweitguß ist jetzt als Leihgabe der Antonitergemeinde ebenso in der Ausstellung zu sehen wie das Hochrelief "Die Vision" von 1912 aus der Berliner Nationalgalerie, das das Thema des Schwebens vorwegnimmt.

Kunsthalle Rostock, bis 3.Januar, Katalog 48 DM; Eröffnungsausstellung Barlach Stiftung Güstrow, bis 11.April, Katalog 38 DM.

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