Kultur : Der Schweiger

Viereinhalb Jahre Thomas Flierl: Was hat der Kultursenator in Berlin bewegt? Eine Bilanz

Rüdiger Schaper

Kleine Typenkunde der Berliner Kultursenatoren. Da hatten wir den Entertainer (Stölzl), die Eintagsfliege (Thoben), die Netzwerkerin (Goehler) und den Zigeunerbaron (Radunski). Noch früher gab es den Brummbären, der das Schiller-Theater gerissen hat (Roloff-Momin), und, das reicht in West-Berliner Zeiten zurück, den Mann mit den Spendierhosen (Hassemer). Manch einer hat nachher sogar ein Buch geschrieben. „Zuletzt: Kultur“ hieß eines, ein anderes, jüngeres Modell „Verflüssigungen“. So richtig froh klingt beides nicht.

Berlins Kulturwelt verfügt über erstaunliche Beharrlichkeit und Erneuerungskräfte, es ist womöglich doch nicht so wichtig, wer sich Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur nennen darf. Mit Thomas Flierl trat vor viereinhalb Jahren ein bis dato unbekannter Typus das schöne, schwere, rätselhafte Amt an: der Schweiger. Auf seiner Webseite schaut er melancholisch zu Boden und stellt sich vor: „Kein Senator wird so kontrovers wahrgenommen wie ich.“

Flierl ist in der PDS und der einzige Berliner aus dem Osten im rot-roten Senat. Damals, im Januar 2002, dachte kaum einer, er habe das Format für den Job, in dem man sich schnell ein Schleudertrauma einfangen kann. Flierl, Jahrgang 1957, bis 1996 Leiter des Kulturamts Prenzlauer Berg und danach Baustadtrat in Mitte, galt selbst in der eigenen Partei als dritte Wahl, als es an die Verteilung der Senatsposten ging.

Heute sagt Flierl, in einem seltenen Anflug von Humor, den Kulturstaatssekretär unter Gysi habe er sich schon zugetraut. Und: „Ich enttäusche lieber Vorurteile als hohe Erwartungen.“ Beim Regierungseintritt der PDS sah freilich schon manch einer Berlin, wenn nicht die ganze Republik dem Untergang geweiht. Ein Kultursenator von der SED-Nachfolgepartei fiel bei diesem apokalyptischen Szenario nicht weiter ins Gewicht.

Es ist eine hübsche Ironie der jüngeren Berliner Geschichte, dass Thomas Flierl 1988/89, seinerzeit tätig im Kulturministerium der DDR, gute Auslandskontakte pflegte – zum Beispiel mit Volker Hassemer und Ulrich Eckhardt, den damaligen Lenkern der West-Berliner Hochleistungskultur, die noch aus vollen DM-Töpfen schöpfte. Noch heute spricht Flierl begeistert von seinen Erlebnissen bei „E 88“, dem europäischen Kulturstadtprogramm des Westens. Man müsste, sagt er, diese ausgehenden Jahre vor der Vereinigung einmal gründlich erforschen.

Viereinhalb Jahre Flierl. Das hätte kaum einer gedacht. Dass er durchhält. Es war, auch hier, nicht alles schlecht. Aber sein Politikstil war oft eine Zumutung: dieses Geduckte, Unnahbare. Er will nicht auffallen, aber damit stößt er an. Wie im März dieses Jahres bei einer Podiumsdiskussion zur Geschichte der DDR, als er es nicht schaffte, sich von anwesenden Ex-Stasi-Leuten vernehmlich zu distanzieren. Das brachte ihm Rücktrittsforderungen und eine Debatte im Abgeordnetenhaus ein. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit rüffelte Flierl öffentlich.

Flierl, und das ist für einen Kultursenator ein Widerspruch in sich und ein großes Problem, gehört nicht zu den Kommunikatoren. Viele seiner Entscheidungen wurden dadurch beschädigt. Wie er versuchte, den Schriftsteller Christoph Hein zum Intendanten des Deutschen Theaters zu machen. Oder wie er jüngst die Restitution des Kirchner-Gemäldes „Berliner Straßenszene“ durchgezogen hat. Da fehlt es ihm nicht nur an Transparenz, sondern auch am Willen, im Berliner Gesellschaftskonzert auf irgendeinem hörbaren Instrument mitzuspielen. Frank Castorf fühlt er sich nahe. Doch wie er agiert, bedachtsam, bisweilen eigenbrötlerisch, immer mit einem Rest Verschwiegenheit, das wirkt so, als komme es in der Kulturpolitik vor allem auf Diskretion an.

Vor zwei Jahren legte Flierl ein Thesenpapier zur Kultur und städtischen Entwicklung vor. Darin stand nicht allzu viel Provokantes, und es versandete in den Mühlen der Koalitionspolitik. Gestern, auf seiner Bilanzpressekonferenz, überraschte er mit der Erklärung, das Wissenschafts- und Kulturressort habe in seiner Amtszeit an strategischer Bedeutung gewonnen. Er will weitermachen, der Kultur neue Entwicklungsfelder erschließen.

Meist jedoch hat er den Eindruck erweckt, er wolle unter dem Radar fliegen – mit dieser Eigenheit erinnert Flierl von fern an Angela Merkel. Deren alten Wissenschaftskollegen Michael Schindhelm hat Flierl zum Gerneraldirektor der Berliner Opernstiftung gemacht. An dem Monstrum hatten sich schon viele Spezialisten verhoben. Ihre schiere Existenz, die bis auf weiteres eine Sicherungsgarantie aller drei Opernhäuser bedeutet, betrachtet Flierl als persönlichen Erfolg.

Dieses Erfolgserlebnis hält bis zur Abgeordnetenhauswahl am 17. September. Bald danach wird Schindhelm sein Reformpapier für die Opernstiftung vorlegen. Dann kann es krachen im Gebälk. Ein großes Opernhaus könnte wackeln. Oder noch mehr. Um die harten Sparvorgaben zu realisieren, wird Schindhelm ans Eingemachte gehen müssen. Orchester- und Chorverbände sind zu teuer, zu starr, die beamtenmäßigen Verhältnisse anachronistisch. Schon jetzt sagt Schindhelm, dass Personal eingespart werden muss. Die Opern bleiben die größte Kulturbaustelle, die Berlin allein zu bewältigen hat. Dafür hat der Bund andere Einrichtungen wie die Festspiele oder die Akademie der Künste übernommen – zur Entlastung des Berliner Haushalts.

Dem Engagement des Bundes hat Flierl auch ein zweites Erfolgserlebnis zu verdanken – den Tanz. Generationen von Kultursenatoren haben vom tänzerischen Potenzial Berlins geschwärmt, doch wirklich bewegt hat sich die Szene erst, als mit dem Hauptstadtkulturfonds und mit der massiven Unterstützung durch die Bundeskulturstiftung viel tanzbares Geld und tragfähige Ideen in Umlauf kamen.

Flierls Personalpolitik: Er hat, eine weise Entscheidung, Matthias Lilienthal zum Chef des Hebbels am Ufer gemacht. Er hat, durchaus umstritten, Kirsten Harms als Intendantin an die Deutsche Oper geholt. Zwei neue Chefdirigenten, Lothar Zagrosek (Konzerthausorchester) und Ingo Metzmacher (Deutsches Symphonieorchester, ab 2007), gehen ebenso auf sein Konto wie die Philharmoniker-Intendantin Pamela Rosenberg.

Große Hoffnungen knüpfen sich an Armin Petras, den neuen Intendanten des Maxim Gorki Theaters. Petras schwebt ein zeitgenössisches, flexibles, anarchisches Stadttheater vor – vielleicht ein Weckruf für die anderen großen Berliner Bühnen. Mit denen hatte Flierl Glück. Die Schaubühne hat eine stabile Leitung. Castorf bleibt der Volksbühne noch ein paar Jahre erhalten. Eine Intendantenpleite am Deutschen Theater wurde abgewendet, weil Bernd Wilms bereit war, trotz des Falles Hein und Flierls Stümperei weiterzumachen. Mit der Frage, was dereinst am Berliner Ensemble passiert, in der Zeit nach Claus Peymann, unter den gegebenen Eigentumsverhältnissen am Schiffbauerdamm (das Haus gehört der von Rolf Hochhuth dominierten Holzapfel-Stiftung, noch so ein schräger Restitutionsfall!) – damit wird sich die Kulturverwaltung erst in der nächsten Legislaturperiode beschäftigen.

Der Wahlkampf ist lahm. Auch die Kultursenatorenfrage ist diesmal kein großes Berliner Gesellschaftsspiel. Bleibt Flierl? Nach den letzten Umfragen könnte Wowereit mit der PDS-Linkspartei weitermachen – oder es kommt wieder Rot-Grün. Dass das Verhältnis zwischen Wowereit und Flierl nicht immer das beste war, hängt auch mit dem kulturellen Geltungsdrang des Regierenden zusammen. Wird André Schmitz Kultursenator? Der Chef der Senatskanzlei wäre hervorragend geeignet. Er könnte wohl nur dann Flierls Nachfolge antreten, wenn die PDS in die Opposition geht.

Was hat Thomas Flierl gelernt? „Man muss Umwege gehen können.“ Und: „Entwicklungen finden in Sackgassen statt.“ Er denkt lange nach, bevor er solche Sätze sagt. Ein Stoiker. Die Haushaltskonsolidierung betrachtet er als sein Gesellen-, wenn nicht Meisterstück. Keine Häuser wurden geschlossen, der Mangel etwas gerechter verteilt.

Etwas Merkwürdiges ist geschehen in Berlin. Ewig nichts von Castorf gehört, Peymanns Injurien versenden sich. Auch die Matadore sind ruhig geworden. Wie der Senator. Flierl färbt ab.

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