• Der Schweizer Architekt Mario Botta zeigt seine neuen Bauten in einer Ausstellung des DAZ Berlin

Kultur : Der Schweizer Architekt Mario Botta zeigt seine neuen Bauten in einer Ausstellung des DAZ Berlin

Bernhard Schulz

Unter den zeitgenössischen Architekten zählt Mario Botta zu den bekanntesten. Seine Bauten tragen eine unverkennbare Handschrift. Bei aller Verschiedenartigkeit der Bauaufgaben, vom Bürohaus bis zur Bergkapelle, und aller Spannweite der gefundenen Lösungen lassen sich seine Bauten erkennen, einerlei in welchem Land sie stehen. Die Landkarte Bottascher Bauten wächst immer weiter; ausgehend von der schweizerischen Heimat umfasst sie mittlerweile mehrere Kontinente und vor allem - Erfolgsausweis eines jeden Architekten - die USA.

In San Francisco konnte der 1943 in Mendrisio gebürtige Tessiner Botta das Museum für Moderne Kunst bauen, das inmitten der amerikanischen Kommerzarchitektur von downtown vielleicht befremdlicher wirkt als irgend ein anderes Gebäude von seiner Hand. Befremdlich ist nicht das schlechteste Adjektiv, um Bottas Bauten zu kennzeichnen. Denn so sehr seine Bauwerke den Besucher einladen und ihm vom ersten Augenblick an Geborgenheit gewähren, sind sie doch eigentümlich in einer Welt des an allen Ecken der Architektur ablesbaren Nutzenkalküls. Es nimmt nicht wunder, dass Botta sich über den Bereich öffentlicher Bauten hinaus sehr engagiert dem Kirchenbau zugewandt hat. Die Qualitäten seiner Entwürfe, die um den Generalnenner der Dauerhaftigkeit, auch im Sinne der bewusst erlebten Zeit kreisen, führen ganz folgerichtig zu dieser, in der zeitgenössichen Architektur kaum mehr herausragenden Bauaufgabe.

So nehmen denn auch Kirchenbauten breiten Raum in der Ausstellung ein, die der vielgeehrte Tessiner Architekt selbst am Donnerstagabend unter dem Titel "Licht und Materie. Mario Botta 1990 - 2000" im Deutschen Architektur-Zentrum (DAZ) eröffnet hat. Die Gestaltung dieser Übersicht über fast ausschließlich öffentliche Bauten macht in ihrem Raffinement die Entwurfshaltung Bottas sichtbar. Als Stellwände fungieren einfache Pappen, vor denen sich die leicht erhaben angebrachten Schwarz-Weiß-Fotos von Pino Musi unaufdringlich, aber zugleich unverkennbar abheben. Von Musi übrigens lässt Botta seit vielen Jahren das stark anwachsende (und mittlerweile zum dritten Band des Werkverzeichnisses gediehene) µuvre aufnehmen - und wie angemessen ist das kontrastreiche Schwarz-Weiß bei einem Architekten, dem der Reichtum der Farben beinahe nichts, der Kontrast von weißem und schwarzem, jedenfalls hellem und dunklem Stein dafür um so mehr bedeutet? Allein der warme Ton eines hellroten Ziegelsteins kehrt in Bottas Bauten wieder, ist in seinem jüngeren Werk sogar eher die Regel. Den Manierismus seiner früheren Streifenfassaden sieht man gerne zugunsten dieses laut Botta "armen Materials" zurückstehen. Die vermeintliche "Armut" mag eine der Auftraggeber sein; gewiss keine dieses sinnlich so reichen Baustoffs.

Dem warmen Ziegelton entspricht der helle Farbigkeit der vorzüglichen Birnenholzmodelle, die vor den Pappwänden stehen. Seltener sind es Umgebungsmodelle, wie sie bei Wettbewerben Verwendung finden, öfter Schnittmodelle: Sie erst geben den noblen Reichtum der Innenraumgestaltungen zu erkennen. Ihren besonderen Akzent aber verdankt die Ausstellung den Kohleskizzen, die Botta in den zwei Tagen vor dem Abend der Eröffnung auf die Pappwände geworfen hat. An ihrem charaktervollem Schwung kann man sich im Zeitalter der Computersimulation gar nicht genug tun.

Das Traditionsbewusstsein einer solchen Entwurfshaltung korrespondiert mit der Zeitlosigkeit der Formensprache Bottas. Der Konflikt von Geschlossenheit der Wände und Offenheit ihrer überraschenden Aufbrüche, etwa an den Ecken, hat Botta bereits in seinen frühen Tessiner Villen beschäftigt. Gerne verwendet er, vom Grundriss ausgehend, Kreise mit allen Variationen, mit Segmenten, mit Bögen, mit schräggestellten und daher zu Ellipsen ausgebogenen Kreisdächern. Letzteres Motiv hat Botta vielfach durchgespielt. Typisch ist die 1995 fertiggestellte Kathedrale der Pariser Vorortgemeinde Evry, die als Rundbau ausgebildet ist wobei das schräge Flachdach seinen Scheitelpukt über dem Altar erreicht. Der Innenraum wird durch verglaste Kreissegemente des Daches belichtet, wobei das einfallende Sonnenlicht wandernde Muster auf die sorgsam modellierten Ziegelwände zaubert. Licht ist für Botta zuallererst Himmelslicht. Der symbolische Gehalt prädestiniert solche transparenten Bedachungen für den Kirchenbau. Botta bekennt sich zu einer symbolischen und sakralen Architektur. Die Erhabenheit seiner stereometrischen Grundformen - Kubus, Zylinder und ihrer Durchdringungen - wirkt bei Bankzentralen, und auch dafür hat Botta in seiner Schweizer Heimat manche Aufträge erhalten, eher deplaziert, und auch beim Museum in San Francisco will der Eingangszylinder eher als Dekoration erscheinen. Die Kirchenbauten aber, ob in Evry, auf dem Monte Tamaro, in der von einem Erdrutsch versehrten Gemeinde Mogno oder bei einer Synagoge in Tel Aviv, führen überzeugend vor, wie ein zeitgenössisches, das heißt nicht-historisierendes Bauen möglich ist, das emotionalen Bedürfnissen Ausdruck zu geben vermag. In ihrer vorangehenden italienischen Fassung hieß die Berliner Ausstellung denn auch "Emotionen in Stein".

Dass der Architekt auch anderes beherrscht als den altertümlichen, die archaische Aufgabe des Schützens und Bergens sinnhaft machenden Stein - natürlich ist auch ein Gebäude wie das Museum in San Francisco über einem Stahlskelett errichtet -, hat Mario Botta zuletzt mit der Stadt- und Landesbibliothek in Dortmund unter Beweis gestellt. Ihre Eingangshalle in Form eines Kegelstumpfes ist vollständig verglast und zeigt die stählerne Konstruktion. Aber auch solche Transparenz zieht bei Botta ihre Rechtfertigung aus der Aufgabe, die Zugänglichkeit einer Bibliothek erlebbar zu machen. Bottas Bauten sind ungeachtet ihrer bisweilen höchst delikaten geometrischen Ausgangsformen keine Exerzitien für Kenner. In ihrer emotionalen Qualität sprechen sie jedermann an. Die Unverwechselbarkeit, deren Verlust Botta an der heutigen Stadt beklagt, wollen seine Bauten bewahren helfen, paradoxerweise trotz ihrer weltweit erkennbaren Ähnlichkeit. Die Ausstellung lässt wünschen, dass Botta über sein bislang einziges Berliner Werk am Lützowplatz hinaus an der Spree tätig würde. Der Kontrast zum "steinernen Berlin" könnte spannungsreicher wohl kaum gedacht werden.Deutsches Architektur-Zentrum, Köpenicker Str.48/49, bis 15. Januar 2000. Montag bis Sonnabend 10 - 18 Uhr.

Begleitbuch: Mario Botta. Öffentliche Bauten 1990 - 1998. Verlag Skira, brosch. 65 DM, im Buchhandel 68 DM.

Mario Botta. Das Gesamtwerk 3: 1990 - 1997. Birkhäuser Verlag, Basel 1997, geb. 168 DM. Mario Botta: Das Gesamtwerk (Bestellung)

0 Kommentare

Neuester Kommentar