Kultur : Der Schwung des Moments

Erstmals haben 24 Gemälde von Hans Hartung die französische „Fondation Bergman Hartung“ verlassen und sind in der Berliner Galerie Fahnemann zu sehen

Carina Villinger

„Sie werden schon sehen, wohin Sie die Flecken und Schmierereien in Ihrem Leben bringen werden“, prophezeite der Griechischlehrer dem Gymnasiasten, der seine Hefte bemalte und bekleckste. Er sollte Recht behalten. Aus dem 1904 in Leipzig geborenen Hans Hartung, der schon als Jugendlicher fanatisch die Werke der alten Meister studierte und darüber die Schule vernachlässigte, wurde einer der wichtigsten Vertreter der abstrakten Nachkriegskunst.

Der Weg dahin war allerdings voller Rückschläge und Entbehrungen. Lange Zeit schien es, als würden Armut, Krieg und Depressionen Hartungs ständige Begleiter bleiben. Doch als er 1973 schließlich mit seiner Frau, der norwegischen Malerin Anna-Eva Bergman, ein gemeinsam entworfenes Haus im südfranzösischen Antibes bezieht, ist ihm die hart umkämpfte internationale Anerkennung zuteil geworden. In gewisser Weise war dieses Anwesen auch die Vollendung eines Lebenskreises, der in Vorkriegszeiten seinen Anfang nahm. Damals, 1932, hatten sich Hartung und Bergman schon einmal ein Haus gebaut. Wie eine weiße Festung thronte der minimalistische Block auf den Klippen der Bucht von Cala de Tirán im menorcinischen Fornell. Vertrieben durch die Rationierung der Zahlungen an im Ausland lebende Deutsche, ausspioniert von misstrauischen Einheimischen, waren Hartung und Bergman zwei Jahre später gezwungen, das Land wieder zu verlassen. Und so fand mit dem Bau des zweiten Hauses samt dazugehörigen Ateliers 1973 ein später Neubeginn statt.

Nach seinem und Bergmans Tod sollte nach dem Willen des Künstlers in Antibes eine Stiftung eingerichtet werden, die ihrer beider Werk betreut. 1994, fünf Jahre nach Hartungs Tod, wurde die „Fondation Bergman Hartung“ gegründet, welche die vielen hundert Gemälde, Papierarbeiten, Fotografien und Archivmaterial der beiden Künstler katalogisiert und ein Werkverzeichnis vorbereitet. Vor anderthalb Jahren stieß der Berliner Galerist Clemens Fahnemann auf die Fondation und bemühte sich seither darum, ausgewählte Werke in einer Ausstellung in Berlin zu versammeln. Nach zähen Verhandlungen erklärte sich die Stiftung bereit, ausgesuchte Bilder zu veräußern, um ihren Unterhalt zu bestreiten. Insgesamt 24 Gemälde sind ab heute in Berlin zu sehen. Fünfzehn davon entstanden im künstlerisch wahrscheinlich produktivsten Jahr Hartungs, 1973, dem Jahr des Umzugs nach Antibes. Nahtlos an die Formensprache und die Spraytechnik der Siebziger Jahre knüpfen die Bilder von 1980 und 1981 an. Bis auf drei großformatige Gemälde auf Leinwand (275 000 und 350 000 Euro) entstanden die weiteren Bilder (bis auf zwei kleinere Ausnahmen) im Format 74 mal 104 bzw. 104 mal 74 Zentimeter auf Karton (je 32 000 Euro).

Ungewöhnlich daran ist: Keines der Bilder hat die Fondation je verlassen. Allein das Gemälde „T1974-R1“ mit zwei schwungvollen breiten schwarzen Streifen vor rotblauem Hintergrund im Format 185 mal 300 Zentimeter war 1978 bei einer Retrospektive im New Yorker Metropolitan Museum zu sehen. Denn schon zu Lebzeiten machte Hartung aus seinem Schaffensprozess gern ein Geheimnis: Wer die Fondation besuchte, bekam nur ein makelloses Scheinatelier zu sehen, der Zutritt zu dem Studio, in dem er tatsächlich malte, war für Außenstehende tabu.

Vieles hat sich an Hartungs Maltechnik im Lauf der Jahre verändert. Die expressive Spontaneität, die er sich schon als Junge bei seinen ersten Malversuchen zugelegt hatte, blieb aber immer im Mittelpunkt seiner Arbeitsweise. Jean Hélion, der französische Maler, gab ihm den Rat, seine Vorlagen für die Umsetzung in Gemälde penibel zu kopieren – nur so könne er das „Zufällige und Unvorhergesehene“ der Skizze mit ihrem Schwung des Moments erhalten. Und Hartung hielt sich daran, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen: Zu jener Zeit, in den späten Dreißiger Jahren, war er so arm, dass er es sich nicht leisten konnte, viele Leinwände für misslungene Bilder zu vergeuden.

Doch auf dieses Weise war der Zufall und das Risiko der Umsetzung auf ein Minimum reduziert – dabei konnten zwischen Vorzeichnung und endgültiger Ausführung auch mehrere Jahre vergehen. Bis 1960 blieb Hartung dieser Methode treu. Dann aber begann er, direkt auf den Untergrund zu malen. Mit Bürsten, Walzen, Schabern und Reisigbüscheln bearbeitete er die Bilder, um seine kraftvollen Farbbalken entstehen zu lassen oder zartere kalligraphieartige Zeichen. Oder auch die wolkigen Spraybilder wie „P1973-B44“, bei dem die Farben wie in einem dynamischen Gleichgewicht miteinander verschmelzen.

Die „Flecken und Schmierereien“ haben Hartung ziemlich weit gebracht: Fahnemanns Schau steht am Anfang einer Reihe von Ausstellungen zu seinem Werk. So wird im Frühjahr nächsten Jahres das Museum Ludwig in Köln einen Querschnitt durch sein Werk zeigen, das Museum der Bildenden Künste in Leipzig folgt mit einer Retrospektive im Jahr darauf. Sein Griechischlehrer hat Recht behalten.

Galerie Fahnemann, Fasanenstraße 61, bis 18. Oktober; Dienstag bis Freitag 13–18 Uhr, Sonnabend 12–14 Uhr; Fahnemann Projekte, Gipsstraße 14, Dienstag bis Sonnabend 13–18 Uhr.

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