Kultur : Der Seelenjäger

Freundschaftskult und Briefmanie: Neue Biografien über Stefan Zweig

Gregor Dotzauer

Über manchen seiner Sätze liegt inzwischen ein Hauch des Unzeitgemäßen: der Geruch eines übervollen, lange nicht mehr gelüfteten und in seinem gediegenen Interieur dahinwelkenden Salons. Ein plakatives Adjektiv, ein aufgeregtes Verb zu viel – schon fühlt man sich in dem Zug gebremst, den Stefan Zweigs Geschichten sonst entwickeln. „Als Frau Irene die Treppe von der Wohnung ihres Geliebten hinabstieg, packte sie mit einem Mal wieder jene sinnlose Angst. Ein schwarzer Kreisel surrte plötzlich vor ihren Augen, die Knie froren zu entsetzlicher Starre, und hastig musste sie sich am Geländer festhalten, um nicht jählings nach vorne zu fallen.“ Das ist so ein Anfang aus der Feder eines Erzählers, der sich auf prägnante Anfänge verstand – der Beginn seiner 1913 geschriebenen Novelle „Angst“, einem exemplarischen, von Ehebruch und Erpressung handelnden Stück seiner psychologischen Kunst.

Man begegnet dabei keinem wirklich historischen Sprachstand. Der Ton vieler Autoren, über die er berühmte Porträtessays schrieb – Kleist, Hölderlin oder Nietzsche –, wirkt heute natürlich ungleich fremder. Zweigs Entfernung ist seine relative Nähe: ein atmosphärischer Schleier, durch den man auch zu seinem 125. Geburtstag am kommenden Dienstag noch leicht hindurchsieht, hinter dem die erotischen Leidenschaften und moralischen Konflikte seiner Figuren aber ferner und ferner rücken.

Stefan Zweig ist auch kein Schriftsteller, dessen literarische Problemstellungen man ohne weiteres beerben könnte. Der bildungsbürgerliche Geist, den seine Bücher atmen, ihr sehnsüchtiger Humanismus sind Haltungen, die sich zwar nicht erledigt haben, die man aber erst für den heutigen Bedarf übersetzen müsste. Und wenn man ihn mit seinem Essay „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ als Vordenker des neuen Europa bemühen wollte, kann man zwar auf seine geschliffene Redlichkeit hinweisen, seinen Antidogmatismus, seine Warnung vor fanatischen Verirrungen – es bleibt wishful thinking ohne realpolitischen Verstand. Anders als die Schriften von Erasmus selbst kann sich so etwas in einem zwischen Brüssel und Sofia zerrissenen Europa kaum noch behaupten.

Zweig hätte es auch nicht gewollt. Er verabscheute, sosehr er sich im Lauf des Ersten Weltkriegs zum Pazifisten wandelte, alles Politische. Was folgt daraus? „Er war keine Literaturgröße wie einige seiner Freunde und Korrespondenzpartner“, schreibt selbst ein Bewunderer wie der Brasilianer Alberto Dines in seiner neuen Biografie „Tod im Paradies“, „aber was das literarische Überdauern angeht, ist er ein einzigartiges Phänomen.“ Diesen Widerspruch muss man erklären.

Was immer man über das Altern von Stefan Zweigs Büchern sagen mag: Man kann sich ihnen, egal ob als Jugendlicher oder Erwachsener, noch immer bedenkenlos überlassen. Sie sind auf ihre zuweilen altmodische Art glänzend geschrieben: dicht, voller lateinischer Satzbaupräzision und dabei abenteuerlich spannend. Zweig war ein Meister der Konvention und des bewussten Strebens nach Popularität. Seine Lesbarkeit, die ihn angeblich zum meistübersetzten deutschen Schriftsteller macht, paart sich mit einem Gespür für die „Weite der geistigen Welt“, die er in der Erzählung „Verwirrung der Gefühle“ so eindringlich beschwört – eine Verbindung, nach der man in der deutschen Gegenwartsliteratur lange suchen muss.

Wenn man seine Haltung als erhaben über die Gepflogenheiten seiner Zeit betrachten will, war er sogar weniger ein Konventionalist als ein Klassizist – mit einem Drang, so an die Klassiker heranzureichen. Das jedoch gelang ihm nur um den Preis, von der Radikalität bestimmter Gefühle abzusehen.

Zweigs Leben, das er in der Autobiografie „Die Welt von Gestern“ ausbreitete, war „von der Geburt bis zum Tod stilisiert“, wie Hermann Kesten in dem neu aufgelegten Erinnerungsband „Meine Freunde, die Poeten“ notiert. „Abgerundete Sätze, abgerundete Empfindungen, hundert Bedenklichkeiten und eine große Leidenschaft (gegen den Krieg) und eine entschiedene Neigung (für die Literatur) und ein tiefes Ressentiment (über die Entwürdigung des Individuums unter der neuen Barbarei).“

Ein hartnäckigerer Blick kann nur von außen kommen, und dass er über 60 Jahre nach Zweigs Selbstmord zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte noch lohnt, spricht für die Haltbarkeit seiner Literatur – wie für das Faszinosum eines nur scheinbar souverän aufgeräumten Menschen, dessen Facetten von der Koketterie mit dem Freitod bis zur neurotischen Angst vor dem Älterwerden noch längst nicht ausgeleuchtet sind.

Oliver Matuschek, Jahrgang 1971, hat mit „Drei Leben“ eine Biografie vorgelegt, die auf den Titel Bezug nimmt, den Zweig der „Welt von Gestern“ ursprünglich geben wollte. In drei großen Abschnitten widmet sich Matuschek den frühen Jahren dieses österreichischen Juden, der bis in den Ersten Weltkrieg hinein deutschnationalen Gefühle nicht abgeneigt war. Er zeichnet seine Salzburger Erfolgsjahre nach und das Exil auf der Flucht vor den Nazis, das ihn erst nach London führte – und schließlich in die brasilianische Kleinstadt, in der er als mutlos-mutigen Protest gegen die Schrecken der Zeit 1942 sein Todesfanal setzte: nach Petrópolis.

Matuschek kann sich rühmen, neue Dokumente verarbeitet zu haben: darunter die Korrespondenz von Bruder Alfred mit Lotte Zweig und den Erben – oder die Mitschrift eines verschollenen BBC-Fernsehinterviews. Darin gibt es so aufregende Stellen wie die Frage der Moderatorin, ob Zweig denn weitere Bücher plane. Worauf er eine ungenannte Biografie, einen ungenannten Roman und ein ungenanntes Sachbuch angibt. Was die Moderatorin zu der Antwort bewegt: „Drei Bücher auf einmal! Da ist viel zu tun …“ Nein, ein neues Bild ergibt das alles nicht.

Gemessen an „Das Leben eines Ungeduldigen“, der ersten großen Zweig-Biografie des Briten Donald A. Prater (Hanser 1981), die das Ineinander von Leben und Werk beleuchtet, ist Matuscheks Biografie eine solide, durch die brüderliche Korrespondenz neu akzentuierte, im Ganzen aber auch etwas farblose Angelegenheit, die überdies den Nachteil hat, dass sie einen mit der Literatur nicht so recht bekannt macht.

„Tod im Paradies – Die Tragödie des Stefan Zweig“ ist das pure Gegenteil: ein fesselndes, zuweilen psychologisch fast zu interpretationswilliges Porträt. Der Brasilianer Alberto Dines, Jahrgang 1932, hat ein temperamentvolles, von schriftstellerischem Ehrgeiz beseeltes Stück Kulturgeschichte mit Romanqualitäten geschrieben, das sich weit über Zweigs Lebensweg hinaus auffaltet – vom Panorama des Fin-de-Siècle-Wiens bis zum Porträt der internationalen Künstlergemeinschaft, die sich auf der Flucht vor den Nazis in Brasilien wiederfand. Selbst die Fußnotenlast hat nichts Akademisches, und auch bisher kaum beachtete Aspekte wie Zweigs brasilianische Begegnung mit Georges Bernanos lesen sich aufschlussreich.

Für seinen Freund Romain Rolland war Zweig ein „Seelenjäger“. Schon als Jugendlicher stellte er briefeschreibend den größten Persönlichkeiten seiner Zeit nach und entwickelte daraus später, in Tausenden von Briefen, einen Freundschaftskult. Er verband ihn, wie nun ein Band der Bibliothek Suhrkamp dokumentiert, auch mit Hermann Hesse – in der schwärmerischen Korrespondenz zweier romantischer Künstlerseelen.

Intimer, ja so intim wie nirgends sonst, lernt man ihn im hervorragend edierten, mit Verbindungstexten versehenen Briefwechsel mit seiner ersten Frau Friderike kennen, die ihm über die Trennung hinaus die Treue hielt – und sich nach seinem Tod zur resoluten Hüterin über sein Erbe aufschwang.

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