Kultur : Der Seelenkundler

Über die Grenze: zum 250. Geburtstag des Schriftstellers Karl Philipp Moritz

Rolf Strube

Gegen Ende seiner Schulzeit in Hannover erhält Anton Reiser vom Rektor einen ehrenvollen Auftrag. Anlässlich des Geburtstags der Königin von England soll er eine Rede halten. Der Spott der Mitschüler über seinen Lesehunger, seine Versemacherei verstummt. Abend für Abend läuft er hinaus auf den Stadtwall: Dort gelingen ihm die schwierigsten Verse. Als Anton seine Liebe zur Dichtung entdeckt, hat er eine von Armut und Krankheit, Gezänk und bedrückender Religiosität geprägte Kindheit in Hameln und Hannover hinter sich, dazu die größte Sünde seines jungen Lebens: einen Suizidversuch, der die qualvolle Zeit seiner Hutmacherlehre in Braunschweig beendet.

Als 1785 der erste Teil seines autobiografischen Romans „Anton Reiser“ erscheint, ist Moritz Lehrer am Berliner Gymnasium zum Grauen Kloster. Er hat ein Theologiestudium abgebrochen, um sich Schauspielertruppen anzuschließen, hat sich als Erzieher an Basedows reformpädagogischem „Philanthropin“ in Dessau versucht, war Redakteur der „Vossischen Zeitung“. Seit 1783 kommt er den psychologischen Suchbewegungen seiner Zeit als Herausgeber eines „Magazins zur Erfahrungsseelenkunde“ entgegen, das Zeugnisse über Träume, Ängste, Hypochondrien, über Selbstmörder und Taubstumme sammelt.

Im Laufe seines nach 36 Jahren jäh endenden Lebens kam Moritz mit den verschiedenen Strömungen in Berührung, die sich im späten 18. Jahrhundert überlagern. Deren Disparatheit spiegelt sich in seinem Werk. Es enthält neben Romanen, Gedichten, Reiseberichten, ästhetischen und mythologischen Schriften auch Sprach- und Verslehren, neuartige Kinderfibeln und Schriften gegen religiöse Schwärmerei, die auf seine Nähe zu aufklärerischen Kreisen um Moses Mendelssohn deuten.

Arno Schmidt wollte von all dem nur die Romane „Anton Reiser“ und, als dessen Gegenbild, „Andreas Hartknopf“ gelten lassen, die Geschichte eines Predigers, der aus säkularisierter Weltfrömmigkeit heraus in sich Halt findet. Für Schmidt, der mit seinen „Nachrichten von Büchern und Menschen“ zu Moritz’ Neuentdeckung beigetragen hat, gehörte er zu den „geborenen Autobiografen“ des 18. Jahrhunderts. Heute sieht man in Moritz die Schlüsselfigur einer Übergangszeit, einen Mittler zwischen Spätrationalismus, Weimarer Klassik und Frühromantik.

Die Neuerscheinungen zum heutigen 250. Geburtstag von Karl Philipp Moritz tragen diesem Bild Rechnung. „Das Karl Philipp Moritz-ABC“, herausgegeben von Lothar Müller, bietet ausgewählte Textpassagen. Hier erschließen sich die literarischen und publizistischen Schriften über Schlüsselbegriffe als Arbeiten eines Sprachreformers und Volksaufklärers. Während Müller das Unverbundene für sich stehen lässt, empfiehlt sich die Moritz-Biografie von Willi Winkler durch den Spannungsbogen, den sie über das früh von „Todesfantasien und Höllenbildern“ überschattete Leben zieht. In Winklers Darstellung tritt der Lebensimprovisator plastisch hervor, der den Verlegern Vorschüsse entlockt, um zu Reisen nach England und Italien aufzubrechen.

In England hält die Landbevölkerung den zerlumpten Wanderer für einen Vagabunden. Dass er nach seiner Rückkehr Blut spuckt – Folgen einer Schwindsucht –, ist Teil des Risikos, mit dem Moritz lebt. Winkler arbeitet das Profil einer Persönlichkeit heraus, die alle ärztlichen Ermahnungen in den Wind schlägt. Moritz legt sich nur ins Bett, wenn seine Logenbrüder, Schulkollegen oder Verleger ihren Besuch ankündigen. Als sein Arzt Marcus Herz ihm ein baldiges Ende in Aussicht stellt, klagt er, er habe „noch nicht weise gelebt“ – worauf Herz ungerührt erwidert: „So sterben Sie weise!“

1786 begegnet Moritz in Italien dem Dichter, den er von Jugend auf am meisten bewunderte. Der „Fusreiser“, wie Goethe ihn anfangs nennt, bricht sich beim Sturz vom Pferd den Arm. Gerade der Unfall führt zu engerem Kontakt mit Goethe, der ihn in einem Brief an Charlotte von Stein einen vom Schicksal beschädigten „jüngeren Bruder“ nennt. So skeptisch Goethe dem „Grillenfänger“ gegenüber bleibt, der immer über die inneren „Anlagen und Entwicklungen des Menschen“ nachsinnen muss, so sehr schätzt er den hyperaktiven Moritz, der angesichts der römischen Kunstwerke seinen schon vorher entwickelten Ideen ästhetischer Autonomie neue Konturen gibt.

Moritz wurde in Italien kein großer Philologe. Wenn er ein Dilettant war, wie später mancher Zeitgenosse meinte, dann einer, der die Nacherzählung in den Rang einer Kunst erhob. „Anthusa oder Roms Alterthümer“, eine Darstellung altrömischer Festkultur, und seine „Götterlehre“ gingen aus Vorlesungen an der Berliner Akademie der Künste hervor, wo Moritz 1789 Professor für die Theorie der schönen Künste geworden war. Mit seiner „von allem Schulstaub gereinigten“ Götterwelt traf er den Nerv eines neuen Interesses an der klassischen Antike.

Mit 35 Jahren stand Moritz im Zentrum des geistigen Lebens. Für den jungen Romantiker Ludwig Tieck blieb er freilich ein Ruheloser: ein natur- und kunstbegeisterter Wanderer, wie er in Tiecks Roman „Franz Sternbalds Wanderungen“ auftritt. Jean Paul, der Moritz seine Entdeckung verdankte, nannte ihn ein „Grenz-Genie“. Er schätzte ihn vor allem als Schöpfer des Predigers Hartknopf, der die ganze Welt in sich findet, ohne weltflüchtig zu werden. Noch in seinen letzten Jahren hat Moritz am „Reiser“ und am „Hartknopf“, den beiden Polen seines Lebens, weitergearbeitet. Nimmt man sie zusammen, hat man den Moritz vor Augen, der bis heute fortwirkt – mit dem spielerisch gebrochenen Pathos des Aufbegehrens, dem distanzierten Blick des Selbstbeobachters und der heiklen Balance von Ich und Welt.

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