Kultur : Der Sehnsuchtsort

Hüter des reinen Geistes: Warum ein Streit in diesem Verlag interessanter ist als bei anderen Häusern

Gerrit Bartels

Aus dem stellvertretenden Verlagsleiter bei Suhrkamp, Thomas Sparr, brach es spontan genervt heraus, als er wieder einmal telefonisch Stellung zu den Suhrkamp-Turbulenzen der letzten Tagen beziehen musste: „Wenn bei Ullstein Verlagsleiter reihenweise ihren Hut nehmen oder Siv Bublitz demnächst alle Ullstein-Verlage leiten wird, ist Ihnen das höchstens eine Meldung wert, wenn überhaupt.“ Da hat er recht, nur weiß natürlich Thomas Sparr selbst nur zu gut, warum das so ist: Suhrkamp ist eben kein Verlag wie jeder andere. Er ist der Verlag, der drei Jahrzehnte die Geistesgeschichte der Bundesrepublik mitgeprägt hat, nach dem gleich eine ganze Kultur benannt wurde: die Suhrkamp-Kultur. Hier erscheinen die Werke von Adorno, Habermas oder Enzensberger, von Bernhard, Johnson oder Handke, und man braucht sich nur umzugucken: Ein paar zerfledderte Brecht- und Hesse-Bändchen stehen selbst in den literaturfeindlichsten bürgerlichenen Haushalten in irgendeinem Regal herum.

Das allein schon prädestiniert den Frankfurter Verlag dafür, dass sich Medien- und Literaturöffentlichkeit für intere Verwerfungen bei Suhrkamp mehr interessieren als bei anderen Verlagen, dass etwa die Demission eines Geschäftsführers über Gebühr diskutiert wird. Und erst recht natürlich, wie im aktuellen Fall, der anscheinend sehr ernsthafte und aussichtsreiche Versuch von außen, Teile der Macht bei Suhrkamp zu übernehmen.

Nun gibt es die alte Bundesrepublik nicht mehr und auch nicht mehr den Suhrkamp Verlag, wie er von Siegfried Unseld fast bis zu seinem Tod 2002 schön patriarchalisch geleitet wurde. Doch einmal abgesehen von dem literarischen Erbe Suhrkamps, den Rechten auf einem Großteil der deutschen Nachkriegsliteratur, und abgesehen auch von dem hohen Unterhaltungsfaktor, den die vielen personellen Verwerfungen der letzten Jahre gehabt haben, im Übrigen schon unter dem keinen Nachfolger findenden Siegfried Unseld: Der Suhrkamp Verlag dient heute vor allem auch als eine Art Sehnsuchtsort. Als ein idealer Ort, an dem Kultur und Wissenschaft, Literatur und Geist zu Hause sind, ganz ohne Kommerz, Konsum und glamouröses Blendwerk. Das Problem ist nur: Ein Verlag, ein nicht kleiner und konzernunabhängiger dazu, der heutzutage und erst recht nach der großen Verlagskrise 2002 ohne die berühmte Mischkalkulation auskommt, der also seine anspruchsvollen Bücher nicht mit ein paar fiesen Bestsellern finanziert, wäre ein kleines Wunder.

Auf Suhrkamp projiziert sich immer wieder die Hoffnung auf ein solches Wunder, und das erklärt zusätzlich die „Sorgen“, die sich die professionellen Beobachter wegen der Entwicklungen bei Suhrkamp nach dem Tod von Unseld machen. Paradoxerweise ist es ausgerechnet Ulla Unseld-Berkéwicz, die Verlegerwitwe, die diese Hoffnung nährt. Sie will den Suhrkamp Verlag als ultimativen Hort des Geistes erhalten und sieht in der Welt draußen gern einmal die Kultur vor die Hunde gehen – nur sprechen ihr nicht nur ihre erklärten Feinde die Befähigung ab, einen solchen Verlag zu leiten, sondern auch wohlmeinende Kritiker schauen skeptisch auf die Entwicklung des Verlages und den Führungsstil von Unseld-Berkéwicz in den vergangenen vier Jahren.

Das knallharte Verlagsbusiness ist das eine, schöne, hochfliegende Träume sind das andere: Dass Suhrkamp auf dem Gebiet der osteuropäischen Literatur Hochkaräter im Programm hat, auch auf dem der indischen Literatur, wie der Frankfurter Buchmessenschwerpunkt bewies – das hilft alles nichts, wenn kommerzielle Erfolge ausbleiben, wie in den vergangenen Jahren. Wenn eine Katharina Hacker die Ausnahme und nicht die jährliche Regel darstellt (deren Roman ohne die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis auch nur Eingeweihten bekannt war). Und wenn man sich in den jeweils neuesten Programmen mehr auf den Briefwechsel von Peter Handke und Hermann Lenz oder Thomas-Bernhard-Fundstücke als auf neue, aktuelle Bücher aus dem deutschen Sprachraum freut.

Die Fronten im aktuellen Suhrkamp-Fall sind inzwischen klar aufgestellt, die Folgen des Zwistes noch nicht abzusehen. Zumal die Hamburger Verbindung bisher mehr mit wahlweise kämpferischer oder schöner Rhetorik aufgewartet hat als mit handfesten Visionen für den Suhrkamp Verlag der Zukunft. Man muss aber auch sagen, dass es schon andere und größere Unternehmen gegeben hat, die nach dem Tod ihres Prinzipals schwer ins Schlingern geraten oder gar untergegangen sind. Warum sollte bei Suhrkamp alles wie am Schnürchen laufen? Wenn Barlach und Grossner, vielleicht gemeinsam mit dem Unseld-Sohn Joachim, wirklich eines Tages die Geschicke des Verlages entscheidend mitbestimmen sollten, gerade auch finanziell, ist trotz all ihrer Verweise auf die kulturelle Bedeutung Suhrkamps eines sicher: Als Sehnsuchtsort hätte der Verlag ausgedient.

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