Kultur : Der selbstbewusste Bub

von
Nahsicht. Kohl im vergangenen Dezember. Foto: ddp
Nahsicht. Kohl im vergangenen Dezember. Foto: ddpFoto: ddp

Was der Mann erlebt hat, ist einmalig: Kein Politiker ist so mit Spott bekübelt und so mit Ruhm veredelt worden wie Helmut Kohl. Keiner hat derart unterschiedliche Urteile schon von Zeitgenossen provoziert, nicht einmal George Dabbelju Bush. Der Mann aus der Pfalz war, kaum dass er die Bonner Bühne betreten hatte, die personifizierte Politprovinz. Man nannte ihn „Birne“. Aber dann, als seine Zeit sich schon dem Ende zuzuneigen schien – da wurde er zur historischen Figur, in einem Atemzug zu nennen mit Winston Churchill und Konrad Adenauer.

Das war noch nicht alles. Nach dem Verlust der Kanzlermacht blieb er ein Machtfaktor in seiner Partei, stand im Mittelpunkt eines Spendenskandals und erlebt derzeit als Denkmal des instinktsicheren Strategen die Abendsonne parteiübergreifender öffentlicher Sympathie und Bewunderung.

Für so ein Leben braucht man kräftige Beine und breite Schultern – über beides dürfte Kohl verfügen, auch wenn man es wegen seiner Massigkeit nicht sieht. So ähnlich ist es mit dieser Biographie, frisch auf dem Markt zu des Altkanzlers 80. Geburtstag am kommenden Samstag: Man ahnt so manchen Zug dieser politischen Persönlichkeit, doch so richtig scharf sieht man sie nicht. Da verspricht „die“ Biographie von Helmut Kohl ein bisschen mehr, als sie hält.

Doch vermutlich ist es viel zu früh für eine Charakterstudie dieses Mannes, eine Lebensgeschichte, die herausarbeitet, was Kohl politisch bewegt und getrieben hat und die den Mann und seine Leistung von den zeitlichen Zufällen trennt, unter denen er zum großen Deutschland- und Außenpolitiker geworden ist. Noch ist der Abstand zu gering, und die Zahl derer, die mit Historikern über ihn reden und wirklich Neues sagen, dürfte an einer Hand abzuzählen sein. Noch überwiegt die Nahsicht auf Kohl. Die ist, wie bei den meisten Spitzenpolitikern, gefärbt von den Sympathien und Antipathien der Betrachter.

In dieser Hinsicht warten Hans-Joachim Noack und Wolfram Bickerich mit einer angenehmen Überraschung auf: Sie haben die Lebensgeschichte des „schwarzen Riesen“ ohne die Häme geschrieben, zu der sich früher die meisten Kohl-Betrachter veranlasst fühlten – und das, obwohl beide Autoren viele Jahre für den „Spiegel“ geschrieben haben, den Kohl wegen dessen notorischer Kohl-Kritik und Spöttelei stets mit geradezu vordemokratischer Verachtung bestraft hat. Jetzt, im fortgeschrittenen Alter, findet man zwei angesehene „Spiegel“-Herren und einen nicht minder angesehenen Alt- Kanzler zwischen zwei Buchdeckeln in altersmilder, freundlich-bürgerlicher Distanz vereint. Das macht „die Biographie“ von Helmut Kohl zu einer dichten, wenn auch nicht tiefen Lebensgeschichte, die leicht und gut zu lesen ist.

Man lernt und erfährt, was man braucht, um sich selbst ein Bild von Kohl zu machen. Am 3. April 1930 in einen Beamtenhaushalt geboren, jüngstes von drei Kindern, mit einer zunächst friedlichen, vergleichsweise unbeschwerten Kindheit beschenkt, mit Haus und großem Garten. Der „selbstbewusste Bub“, schreiben Noack und Bickerich, habe „beträchtliche Aktivitäten“ entfaltet: „Die ihm täglich übertragene Aufgabe, das in Scharen vorhandene Kleinvieh zu versorgen, bringt ihn rasch auf andere nützliche Ideen: Er handelt mit Stallhasen, die er vorher prämierten Rammlern zugeführt hat, oder fängt in den Nebengewässern des Rheins Flusskrebse, um sie anschließend zu verhökern.“

So ging es weiter mit einem offenbar ideenreichen Jungen. Als seine Heimatstadt Ludwigshafen und mit ihr seine Schule von den alliierten Bombern in Trümmer gelegt worden war, gehörte Helmut Kohl zu denen, die die Schule wieder aufbauen – und sich mit Lehrern anlegen, die nach dem Krieg „in der alten martialischen Paukermanier fortfahren“. Wer weiß, woher Noack und Bickerich das alles wissen. Doch liest es sich schlüssig und plausibel – und es ergänzt das von Bieder- und Bräsigkeit bestimmte Kohl-Bild, das den Nachfolger Helmut Schmidts wie jemanden erscheinen lässt, der mit Stahlbrille, Übergewicht und einem zeltartigen Anzug auf die Welt gekommen ist.

Kohl muss auch als Jungpolitiker kess und von sich selbst überzeugt gewesen sein. Dass er Politiker werden würde, hat sich laut Noack und Bickerich in der unmittelbaren Nachkriegszeit entschieden. In den letzten Kriegstagen war sein Bruder an der Front gestorben, das Land war zerstört: Da „beflügelt ihn – wie viele seiner Kameraden – allem voran der Gedanke an einen in Frieden und Freiheit vereinigten Kontinent“. Die CDU war kaum erfunden, da gründete Helmut Kohl sechzehnjährig den Kreisverband der Jungen Union mit. Sein Parteimitgliedsbuch habe die Nummer 246, schreiben Noack und Bickerich. Das bestätige Kohl eine „spektakulär frühe Aufnahme“.

Kohl hat in und mit der CDU Karriere gemacht, er ist mit und in ihr groß und alt geworden. Diese Verbindung erklärt nicht allein Kohls von vielen politischen Beobachtern gerühmte Kenntnis der Partei und der Mentalitäten ihrer Mitglieder. Es erklärt auch den selbstherrlich wirkenden Umgang mit der Partei und dem ihm übertragenen Führungsamt. So war der Mann von Anfang an: Parteimensch, dem die Partei Heimat und politisches Transportmittel zugleich gewesen ist. Von Ludwigshafen nach Mainz geht es im forcierten Tempo – Noack und Bickerich beschreiben diese Phase mit erkennbarer Freude an der farbenprächtigen Herrscherpersönlichkeit.

Aber dann wurde Kohls Leben kompliziert. In der Bonner CDU-Bundestagsfraktion dominiert Rainer Barzel. Kohl hatte nicht allein mit Parteifreunden zu tun, die ihm überlegen waren; er war auch, schreiben die beiden Autoren, indifferent gegenüber Willy Brandts Ostpolitik. Da brauchte einer erkennbar noch Zeit. Wie der Taktiker Kohl langsam zum Strategen wurde, wie er mit dem vulkanischen Konkurrenten um die Macht, Franz Josef Strauß, zurande kam, gehört zu den spannendsten und amüsantesten Kapiteln in diesem Buch. Da ersteht eine Ära auf dem Buchpapier, die noch nicht lange zurückliegt und doch weit entfernt erscheint. Politik erforderte damals Trickreichtum, aber keine Telegenität. Je näher Noack und Bickerich dem alten Kohl kommen, desto entrückter wirkt dieser Mann. Er schweigt ganz einfach zu Dingen, die er für sich behalten will. Öffentlichkeit ist ihm nicht alles.







– Hans-Joachim

Noack, Wolfram

Bickerich:
Helmut Kohl. Die Biographie. Rowohlt Berlin, Berlin 2010. 302 Seiten,

19,95 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben