Kultur : Der Serientäter

Pillers Prinzipen in der Galerie Barbara Wien

Katrin Wittneven

Bei einigen Intelligenztests muss der Prüfling in Zahlenreihen Systeme erkennen und diese dann weiterführen. Sollte er je daran teilnehmen – der 1968 in Fritzlar geborene Künstler Peter Piller würde zweifelsfrei die volle Punktzahl erreichen. Obwohl er gar keine Zahlen benutzt, sondern Fotos. Zum Beispiel aus Regionalzeitungen: Dort sucht er typische Abbildungen und systematisiert diese anschließend thematisch. „Auto berühren“ heißt eine der inzwischen über neunzig Katagorien, die er gefunden und erfunden hat, eine andere „In Löcher blickende Menschen“ und eine dritte „Duchkämmten“.

Digitale Drucke aus dieser Serie werden zurzeit in der Galerie Barbara Wien ausgestellt (Preise zwischen 400 und 800 Euro). Polizistinnen und Polizisten sind zu sehen, die durch eine ländliche Gegend streifen, einige haben Stöcke dabei, andere werden von Spürhunden begleitet. Die dazugehörigen Schlagzeilen spulen beim Betrachten automatisch ab: „Wieder ein Kind vermisst“.

Erst auf dem zweiten Blick wird dem Besucher klar, dass die grob gepixelten Bilder nicht zu einer Suchaktion gehören, sondern zu mehreren. Mal ist die Landschaft sommerlich grün, mal ist das Laub herbstlich verfärbt. Ansonsten sind die Bilder austauschbar. Ebenso wie die Menschen, die als „Rätselgewinner“ die Geldscheine hochhalten oder die Reihenhäuser in der Kategorie „Tatorthäuser“. Über 5000 Einzelmotive umfasst das Archiv inzwischen, und es ist nicht das einzige: Der Künstler übernahm den Bestand einer Firma, die schmucke Eigenheime aus der Luft fotografierte, oder eine historische Kollektion von Aufnahmen, die Blindgänger aus dem Ersten Weltkrieg zeigen. Anschließend gliederte er diese nach absurd erscheinenden Kriterien zu Gruppen.

Pillers Prinzip der Serie bringt die zum Klischee erstarrte Inhaltsleere von vielen Bildern auf den Punkt, die scheinbare Absprache von Fotografen darüber, wie man ein Thema in Szene setzt, vor allem aber auch die Alltäglichkeit des Grauens. Wie ein Schauer, der einem kalt über den Rücken läuft, wenn man plötzlich einen Kinderschuh auf einer Waldlichtung findet.

Galerie Barbara Wien, Linienstraße 158, bis 28. August, Dienstag bis Freitag 14–19 Uhr, Sonnabend 12–18 Uhr.

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