Kultur : Der Sex von Berlin

Hauptstadt-Kreative aus Funk, Film und Fernsehen nehmen einen Absacker beim „18. Mediengipfel“

Jan Schulz-Ojala

Ja gut, ähhh . . . man hätte jetzt auch schön seriös reden können. Nach dem ganzen Jubel darüber, dass Schönefeld nun endlich Schönefeld wird, nach den ganzen medialen Untergangsszenarien über unser jutet ollet Berliner Pleiteding mal einen auf gründlich-sachlich-analytisch machen. Und die wahren Stabilisatoren dieser Schlacker- und Slackerstadt, die Säulen des Kreativgeschäfts nämlich, befragen nach Netzwerken, Standortvorteil, Brainbusiness und, auch das noch, Metropolen-Design und der „Philosophie“ ihrer (Wahl)Heimat womöglich.

Kann schon sein, dass derlei dem Berlin-Brandenburger Medienboard vorschwebte, als es zur 18. Ausgabe seines medial bislang eher wenig beachteten „Mediengipfels“ ins ewig ostberlinerisch verwarzte Café Moskau einlud. Doch ach, es muss auch mal Feierabend sein, auch unter Kreativen.

Man muss auch mal einen Ablacher-Absacker zu sich nehmen dürfen, dachten sich wahrscheinlich der fidele RBB-Moderator Jörg Thadeusz und sein „Quatsch Comedy“-Podiumskompagnon Thomas Hermanns, weshalb sie die anderen vor rund 500 Zuhörern gut ausgeleuchteten Mitdiskutanten Jim Rakete (Fotograf), Brigitte Maria Mayer (Fotografin), Tom Tykwer und Hans Weingartner (Regisseure) sowie die Schauspielerin Katharina Wackernagel in eine Art Blödelorgie mitzureißen trachteten. Mit mittlerem Erfolg: Eher wurde eine Art Familienaufstellung draus. Man ist ja viel unterwegs in der Branche, hat sich und vielleicht auch Berlin länger nicht gesehen, und jetzt sitzt man plötzlich zusammen am Küchentisch und übt gute Laune. Und das geht so:

Jim Rakete (56), geboren und grundsätzlich in Berlin, ist Vaddern . Er kann sehr schön von damals erzählen, als das ummauerte West-Berlin noch ein kreativkuschelig doppelwandiger Dampfkochtopf war. Diese Ideen! Diese Szene! Diese kurzen Wege! Diese unschicken Fabriketagen! Gut, die gibt’s immer noch, aber heutzutage zum Ausgleich auch öfters mal vors Schienbein. Was’n Glück auch: „Einmal am Tag gibt’s Realität.“

Als Muttern ist Brigitte Maria Mayer (40) gebucht, gebürtig in Regensburg, berlinerisch zuerst in der Vierraumplatte in Lichtenberg und inzwischen auch auf ’ne Art verloftisiert. Doch meist blicket sie stumm um den ganzen – imaginären – Tisch herum, alles ziemlich unernst hier, nicht ihr Ding. Und als der Moderator sie in einem Anfall von Substanzbedürfnis nach dem Politikgehalt Berlins fragt, kann sie, ganz verdattert, nur die Polit-Kantine Borchardt loben.

Jetzt aber die Söhne . Der ältere ist der Wuppertaler Tom Tykwer (40), viel unterwegs zuletzt als Parfüm-Hersteller, aber seit Jahrzehnten zutiefst wahlberlinerisch. Niemand kann so zauberhaft wie er die sturzhässliche Torstraße und das noch bestürzendere Tempelhof gegen die neuen Berlin-Aufhübscher verteidigen. Er mag das Unfertige der Stadt, das bis zu seiner Rente bitteschön so unfertig bleiben soll, er mag die so unvergleichlich „maximierte Provinz“. Nur manchmal, wohl ’ne Alterserscheinung, geht ihm alles ein bisschen zu schnell hier.

Gut, dass sein kleiner Bruder auch da ist, der Weingartner Hans (35), den Medienboard-Geschäftsführerin Petra Müller erst Stefan und dann Heinz nennt. Der bringt das arg verquirlte Geplauder stoisch auf bekennend zugereistes Vorarlberger Kifferniveau. Er sagt nicht viel, wobei er vielsagend viel sagt. Er ist einfach, und das ist jetzt einfach mal gut so.

Die Tochter : Katharina Wackernagel (27) aus Kassel. Ganz reizend. Lacht gern breit und kann auch wunderbar zornig aussehen, wenn sie sich langweilt (Kreative langweilen sich oft, weiß US-Soziologe Richard Florida). Macht gerade ihren Führerschein in Köpenick und fährt begeistert durch die vielen Städte namens Berlin.

Und dann ist da noch der Cousin – berlinerisch: „Kusäng“ – aus Bochum, Thomas Hermanns (42). Obwohl, er hat eher was von Königsstein/Taunus, wegen seiner grundsätzlich schnöselig-trefferquotensüchtigen Witzischkeit. Sehr auf Durchreise in der Berliner Wirklichkeit, der Mann, aber nicht unsympathisch für ein Stündchen am großen Kreativsippentisch. Da klauen wir doch schnell mal sein persönliches Schlusswort: „Der Sex ist hier definitiv besser als überall sonst!“ Genau, und schönen Abend noch! Und immer schön kreativ bleiben!

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