Kultur : Der siebente Psalm

Am 14. August 1956 starb Bertolt Brecht in Berlin. Bis zu seinem 50. Todestag hören wir täglich von ihm.

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1 Ich weiß es, Geliebte: jetzt fallen mir die Haare aus vom wüsten Leben, und ich muß auf den Steinen liegen. Ihr seht mich trinken den billigsten Schnaps, und ich gehe bloß im Wind.

2) Aber es gab eine Zeit, Geliebte, wo ich rein war.

3) Ich hatte eine Frau, die war stärker als ich, wie das Gras stärker ist als der Stier: es richtet sich wieder auf.

4) Sie sah, daß ich böse war, und liebte mich.

5) Sie fragte nicht, wohin der Weg ging, der ihr Weg war, und vielleicht ging er hinunter. Als sie mir ihren Leib gab, sagte sie: Das ist alles. Und es wurde mein Leib.

6) Jetzt ist sie nirgends mehr, sie verschwand wie die Wolke, wenn es geregnet hat, ich ließ sie, und sie fiel abwärts, denn dies war ihr Weg.

7) Aber nachts, zuweilen, wenn ihr mich trinken seht, sehe ich ihr Gesicht, bleich im Wind, stark und mir zugewandt, und ich verbeuge mich in den Wind.

Aus dem Jahr 1920. In: Gedichte 1913 – 1926. Bertolt Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 11 © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1988.

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