Kultur : Der Sisyphos Runge-Preis für den Publizisten Henning Ritter

David Deißner

Unkonventionell war schon die Kulisse der Verleihung: Zwischen den diagonalen Treppenläufen, inmitten der Berlinischen Galerie, erhielt Henning Ritter den „Friedlieb Ferdinand Runge-Preis für unkonventionelle Kunstvermittlung“ (10000 Euro) der Stiftung Preußische Seehandlung. Der Rousseau-Editor, Montesquieu-Übersetzer und seit 20 Jahren Leiter der Geisteswissenschaften in der FAZ, sei der „unbekannteste Bekannte“ und dabei vielleicht einer der Klügsten unserer Gesellschaft, so Nike Wagner in ihrer Laudatio. Für sie ist Ritter der einsame Sisyphos im „Geschmiere und Getriebe unser kommunikationssüchtigen Welt“. Mit der spielerischen Eleganz eines Flaneurs bewahre er die Geisteswissenschaften vor der Verdrängung in die museale Vergangenheit. Die Diagnose, dass er sich als Gelehrter in der Zeitungswelt in Widerspruch zu Aktualitätsdruck und inhaltlicher Verflachung befindet, mutete dabei allzu düster an, sind ihm doch seit Jahren eine treue Leserschaft und ein relativ ungestörter journalistischer Gestaltungsraum vergönnt. So geistesfeindlich ist die Journaille denn doch nicht. In seiner kurzen Replik gab Ritter ein glänzendes Beispiel subversiven Denkens, sprach melancholisch von der vorbehaltlosen Akzeptanz der heutigen Kunst, von der Konvention des Anti-Klassischen und gab damit zu verstehen, dass einem wohl nichts konventionelleres widerfahren kann, als unkonventionell genannt zu werden.

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