Kultur : Der Skeptiker

Katrin Hillgruber

Er ist ein Feuilletonist vom alten, distinguierten Schlage. Zwei Dinge sind es, die Rolf Schneiders Schreiben vor allen anderen anleiten: Neugierde und Stilempfinden. Die erste Eigenschaft hat den Chemnitzer nie vor "Brücken und Gittern" innehalten lassen, um sein westdeutsches Prosadebüt von 1965 zu zitieren. Kurz darauf wurden dem Mittdreißiger aus Ost-Berlin Ruhm und Ehre in Gestalt des Hörspielpreises der Kriegsblinden zuteil, für die Rundfunkversion seines Romans "Zwielicht". Die Jury hatte sich für das Werk entschieden, weil es "mit der Kraft eines dichterischen Gleichnisses Not und Selbstbefreiung verfolgter Menschen darstellt", wie es damals in der Sprache des gemäßigten Kalten Krieges hieß. Schneider durfte zur Preisverleihung nach München reisen, der Beginn einer höchst ungewöhnlichen Reihe von Arbeitsaufenthalten im Westen als Theaterautor und Dramaturg. Auf dem Wohnort Ost-Berlin beharrte er dennoch, auch nach dem Ausschluss aus dem DDR-Schriftstellerverband 1979. Man nahm ihm seinen Roman "November" nachhaltig übel, der sich auf die Biermann-Affäre bezog. Früh schon lud die Gruppe 47 den sächsischen Skeptiker ein, der seine Herkunft aus "Rußchemnitz" mit Charakterköpfen wie Stefan Heym und Lothar Günther Buchheim teilt.

Im qualitativen Zwielicht bewegt sich so manche der frühen belletristischen Veröffentlichungen des ungemein produktiven Rolf Schneider, ganz im Gegensatz zu seinen pointiert zeitkritischen Sachbüchern und seiner publizistischen Tätigkeit überhaupt. So lässt sich der Anhänger eines elaborierten Marxismus im Radio kräftig über das wohlfrisierte DDR-Bild westlicher Schöngeister wie Klaus Pohl und Michael Kumpfmüller aus - "Ihre DDR ist durchweg so synthetisch wie die USA in den frühen Theaterstücken Bertolt Brechts" -, oder er analysiert nicht weniger scharf die "Sprache des Geldes" und ihre euphemistische Verflüchtigung. Er ist ein passionierter Städte-Historiograph mit Hang zum Anekdotischen, der den barock aufgetürmten Himmel Wiens lobpreist oder sich - wie jüngst geschehen - den Liebschaften deutscher Literaten widmet.

Andererseits hat er stets seinen Landsleuten aus der untergegangenen DDR, dem "Volk ohne Trauer", wie er es nennt, den Spiegel vorgehalten. Ein Filmtitel wie "Die Wende und ich" zeugt auch in diesem Fall von gesundem Selbstbewusstsein. Und was bräuchte ein Skeptiker dringender, der heute in Schöneiche bei Berlin seinen 70. Geburtstag feiert.

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