Kultur : Der Skeptiker

Zum Tod des Soziologen Karl Otto Hondrich

Gregor Dotzauer

Das Überwältigendste an ihm war seine Nüchternheit. Karl Otto Hondrich verabscheute Utopien aller Art: die Hoffnung auf die Beständigkeit von romantischen Gefühlen im Privaten wie die Hoffnung auf dauerhafte Eintracht im gesellschaftlichen Miteinander. Er war damit aber weniger ein Konservativer als ein Skeptiker, der sich auf idealistische Versprechungen nicht einlassen konnte – schon um seiner liberalen Prinzipien willen. „Vielleicht“, so lautete sein Credo, „können wir uns einigen, dass man sein Leben besser führen kann, wenn man weiß, was nicht zu ändern ist.“

Er bezweifelte, dass jemals, selbst bei perfektem Genstyling, „Der Neue Mensch“ entstehen könne. Im gleichnamigen Buch erklärte er, die „Eigenmacht von Gesellschaft“ führe immer wieder dazu, dass am Ende wieder Gut und Böse einander gegenüberstünden. Er bezweifelte, dass politisch-soziale Auseinandersetzungen nur auf dem friedlichen Austausch von Argumenten und Werten beruhen: Ohne sich Carl Schmitts blutgetränkten Souveränitätstheorien anzuschließen, bestand er auf dem unvermeidbaren Gewaltanteil von Konflikten.

In seiner Studie „Liebe in Zeiten der Weltgesellschaft“ zweifelte er an der unbedingten Freiheit, die einem die moderne Liebesehe gegenüber Heiratsabsprachen in anderen Kulturen verschafft. Und er zweifelte am Sinn, zugunsten eines westlich geprägten Universalismus kulturelle Unterschiede einzuebnen: „Bei unserem Bemühen, immer nur zu integrieren und jede Desintegration zu verteufeln oder zu vermeiden, ist das Gespür für die konstitutive Spannung zwischen beiden verloren gegangen. Auch wenn die Absichten friedlich sind: Unweigerlich entsteht das, was wir den Kampf der Kulturen nennen. Denn so sind Kulturen nun einmal: Als wertgeladene Lebensformen sind sie vom Vorzug ihrer selbst – im Vergleich zu anderen – durchdrungen.“

Er wusste, wovon er sprach. Unmittelbar nach seiner soziologischen Promotion 1962 hatte er sich seinem Lehrer René König angeschlossen und war als Universitätsdozent mit ihm nach Kabul gereist, in ein Afghanistan, das gerade einen abenteuerlichen Modernisierungsschub durchlebte. Mit König, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Schweizer Exil nach Deutschland zurückgekehrt war, um sein Fach wiederaufzubauen, teilte er die Vorliebe für die Methoden der empirischen Sozialforschung als Basis jeder Theoriebildung.

Hondrich, der von 1972 bis zu seiner Emeritierung 2005 eine Professur an der Frankfurter Goethe-Universität inne- hatte, bewegte sich damit fernab der linken, sozialphilosophisch geprägten Frankfurter Schule, die Max Horkheimer und Theodor W. Adorno begründet hatten. Er hielt aber auch auf Distanz zur einflussreichen Schule von Helmut Schelsky, dessen berühmtes Buch über „Die skeptische Generation“ seinem Temperament scheinbar so nahe zu stehen schien.

Die trockene Präzision seines Stils machte ihn auch zu einem gefragten Publizisten. Hondrich, seit vielen Jahren regelmäßig in der „FAZ“ zu lesen, musste sich zwischen akademischem und journalistischem Schreiben gar nicht erst aufspalten: Ganze Kapitel seiner Werke erschienen zuvor in der Zeitung. Am Dienstag ist der große Skeptiker, der sich selbst allerdings für einen Optimisten hielt, im Alter von 69 Jahren an Krebs gestorben.

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