Kultur : Der Sommer war sehr groß

In die Literatur der Liebe kehrt die Metaphysik zurück. Beobachtungen in diesem Bücherherbst

Marius Meller

Jeden Bücherherbst, wenn die jährliche Ernte der Literaturproduktion eingefahren und in der großen Kelterei, der Frankfurter Buchmesse auf ihren Gehalt geprüft wird, wartet das Publikum gespannt auf die ersten Bilanzen, die ersten Trendanalysen. Der Kritiker möge doch bitteschön ruckzuck die Abertausende belletristischer Neuerscheinungen über den Kamm seiner analytischen Werkzeuge scheren und seine große Synthese auf den handlichen Begriff bringen. Das geht natürlich nicht. In Wirklichkeit weiß jeder, dass es sich mit Autoren, den individualistischsten aller Erdenbewohner, nicht wie mit Weinstöcken verhält, die nach einem großen Sommer wie diesem schon die Öchsle in die Flasche bringen werden, wenn sich der Winzer nicht ganz dumm anstellt. Nein, die Wege der Autoren sind unergründlich, sie malen den Teufel an die Wand, wenn alles gut läuft, und sie entwerfen die strahlendsten Utopien, wenn die Zeiten düster sind – ganz wie es jedem Einzelnen gefällt.

Aber dieses Jahr ist alles anders, so scheint es. Nach einer Stichprobe unter den Meistern und den Hoffnungsträgern ist man wider die Verhältnisse der Literaturproduktion versucht, eine literarische Großwetterlage auszurufen. Denn es geht in den Büchern der Autoren, auf die man gespannt gewartet hat, nur um eines: um die Liebe.

Nichts Ungewöhnliches, könnte man zunächst meinen, denn wer kann sich schon einen guten Roman vorstellen, in dem die Liebe keine Rolle spielte. Aber dieses Jahr geht es um mehr. Man ist versucht zu sagen, es gehe um alles. Nicht wie sonst um die Aporien von „Sex“ und „Beziehung“, um die modernen Überbleibsel von dem, was man einst Liebe nannte, und auch nicht um die üblen Verhältnisse der so genannten Umwelt, die die Liebe unmöglich machen.

Nein, dieses Jahr geht es um „Die große Liebe“, so der Titel eines Romans, um die „Liebeserklärung“, wie ein anderes Buch heißt, also um die Erklärung, was Liebe ist, und um das, was „Sich lieben“ – so der Titel eines dritten Romans – bedeutet. Es geht um etwas in der Moderne längst Totgesagtes, um das, was über das Körperliche und das Soziale der Begehrens-Verhältnisse hinausgeht: Es geht um die Metaphysik der Liebe.

Gegen das Dogma der Moderne vom Geist als „unglücklichem Bewusstsein“, gegen das Dogma, dass es kein richtiges Leben im falschen gebe und also keine glückende Liebe in einer hasserfüllten Welt, scheint Hanns-Josef Ortheils Roman „Die große Liebe“ (Luchterhand Verlag, 317 Seiten, 22,50 Euro) von den Kandidaten unserer Stichprobe am dreistesten zu verstoßen. Ortheil, Jahrgang 1951, der in seinen frühen Werken die Schrecken moderner Verzweiflung in einer quasi neo-romantischen Sprache durchdeklinierte, arbeitet seit seiner bei Lesern und Kritik überaus erfolgreichen „Trilogie der Künste“ (1998 - 2000) an dem, was der französische Schriftsteller Michel Houllebecq einmal so formulierte: „Wenn es heute jemandem gelingen sollte, einen sowohl ehrlichen als auch positiven Dialog zu entwickeln, wird er den Lauf der Welt verändern.“

Gewiss wird Ortheils neuer Roman allein nicht den Lauf der Welt ändern. Aber der Dialog, den Ortheils Text mit seinen Lesern führt, ist einerseits ästhetisch ehrlich, weil er literarhistorisch bewusst und viel zu kunstvoll angelegt ist, um in den Kitsch abzugleiten – obwohl Ortheil mit diesem Risiko spielt. Und andererseits ist seine Literatur positiv, weil sie von ganz realen Möglichkeiten des Glücks erzählt, die bei Ortheil von Buch zu Buch immer deutlicher aus der Literatur heraustreten und nicht auf den geglückten Schreibakt beschränkt bleiben, so wie in seinen früheren Werken.

„Die große Liebe“ erzählt von einem Münchner Dokumentarfilmer, der in einer italienischen Kleinstadt an der Adriaküste nichts weniger als die Liebe seines Lebens findet. Das ist auch schon alles an Handlung. Ernsthaft gefährdet ist diese große Liebe nicht, nicht in ihrem Entstehen und nicht in ihren Aussichten. Sie erscheint als überwältigend und gleichwohl selbstverständlich. Wie Ortheil mit seinen literarischen Materialien umgeht (von denen eigentlich alle klischeeverdächtig sind: das obligatorisch gute italienische Essen, die paradiesische Landschaft und ihre Düfte, das kulturell-historische Ambiente) – das erzeugt beim Leser tatsächlich die Vision von der realen Möglichkeit des Glücks, Fiktion hin oder her. Ortheil beschwört, nein, vielmehr er realisiert literarisch den platonischen Mythos vom Menschen als Halbwesen, der seine ihm vorbestimmte zweite Hälfte suchen muss und finden kann. Allenfalls könnte man Ortheil vorwerfen, sein postmoderner Generalangriff gegen die moderne Negativität in Liebesdingen gehe zu gradlinig, zu reißbrettartig auf sein Ziel zu, das zweifellos erreicht wird. Vielleicht aber rechtfertigen massive Gegner eine massive Taktik.

Das ist unsere Geschichte. So weit. Da bist du, und da bin ich. Und wir sind beide noch da. Das ist mehr als erwartet. Wir sind da. Wir sind anderswo. Das ist wenig genug.“ So schön lapidar beginnt das großartige Romandebüt „Liebeserklärung“ (S. Fischer Verlag, 190 Seiten, 16,90 Euro) des Bachmann-Preisträgers von 2001, Michael Lentz , geboren 1964, der bislang einige beachtliche Prosatexte und Gedichte vorlegte, an denen Kritiker eine gewisse formale Bemühtheit auszusetzen hatten. Wie auch immer, mit seinem neuen Buch hat sich Lentz jedenfalls freigeschwommen. Immer noch ist er ein passionierter Zitierer. Raffiniert montiert er in seinen inneren Monolog Fundstücke von Novalis, Kleist, Kierkegaard, Celan, den konkreten Poeten und vieles andere. Sein Roman ist ein rasender verbaler Ausbruch über den Ich-auflösenden Sog der Liebe, der bedrohlich sein muss, besonders zu Zeiten, in denen man Wert auf „seine Freiheiten“ legt. Wenn aus Zuneigung Schieflage wird und die Macht der Liebe einen überfordert, sehnt man sich nach „Wiederherstellung der durch Liebe verletzten Einheit, die man selbst ist“. Michael Lentz’ Prosa ist nicht nur tief, sondern auch urkomisch, etwa wenn er seinen Protagonisten mit der Bahn quer durch Deutschland hetzen und dabei sein Beförderungsmittel ganz Thomas-Bernhardesk beschimpfen lässt als „Sinnbild deutscher Betriebsstörung“.

Bei Lentz scheitert die große Liebe – vorerst, „so weit“. Am Ende heißt es: „Jetzt haben wir uns nicht mehr. Aber wir haben diese Geschichte.“ Im Text des Romans hat sich die metaphysische Wucht der Liebe zur Geschichte kristallisiert, immerhin. Die Vereinigung zweier Menschenhälften geriet zum Kurzschluss, erzeugte Rückstoß. Aber die „Geschichte“ könnte ebenso gut weitergehen. Was Liebe ist, wurde erfahren, „gesehen“, wie es im Roman heißt, obwohl das Paar keine Sprache, keinen Alltag für diese Liebe finden konnte. Aber „einmal gesehen heißt immer gesehen“, und in der Erklärung, was diese Liebe war, liegt bereits eine neue Liebeserklärung.

An der Ungleichzeitigkeit des Bewusstseins vom Übersinnlichen in der Liebe scheitert auch das Paar im neuen Roman des belgischen Autors Jean-Philippe Toussaint , Jahrgang 1957, den er schlicht „Sich lieben“, im französischen Original „Faire l’amour“ nennt (Frankfurter Verlagsanstalt, 153 Seiten, 19,80 Euro). Toussaint, im franzöischen Sprachraum schon fast ein Klassiker, schreibt meist kurze Bücher, nicht mehr als 100 oder 150 Seiten lang. Er ist ein fanatischer Anhänger der literarisch-mathematischen Proportion. Als Motto seines Debütromans „Das Badezimmer“ (1985) wählte er den Satz des Pythagoras, „a²+b²=c²“, den er formal akribisch umsetzte. Und auch sein neues Buch ist streng in zwei gleichlange Teile gegliedert.

In „Sich lieben“ lässt er ein Künstlerehepaar – sie Mode- und Fotokünstlerin, er wohl Schriftsteller – nach Japan reisen, wo sie eine Ausstellung vorzubereiten hat. Dass sie, Marie, durch Sex ihre Stabilität gewinnt, und er durch quasi buddhistische Reflexion, führt zu unauflösbaren Missverständnissen. Mitten im Geschlechtsverkehr, nach der anstrengenden Anreise im Flugzeug, zeigt der Bildschirm im Hotelzimmer blinkend an: „You have a fax. Please contact the central desk.“ Anstatt seiner Frau den ersehnten Höhepunkt zu verschaffen, bricht der Ich-Erzähler ob der Magie des Schriftlichen den Beischlaf ab – von Toussaint mit lapidarer Komik erzählt – und zieht es vor, obwohl sie in Tränen ausbricht, noch ein Bad im Hotelschwimmbad zu nehmen.

Dabei erlebt er das, was bei Michael Lentz die „Wiederherstellung der durch Liebe verletzten Einheit, die man selbst ist“ heißt. Kurzzeitig wieder bloßes Subjekt, erlebt er, streng nach Immanuel Kant und damit typisch Toussaint, das Erhabene ob des Sternenhimmels, den er durch die Fenster des Hotelhochhausdachs betrachtet, und ob der bedrohlichen Wirkung eines leichten, in Tokio üblichen Erdbebens. Aber er übersieht, dass dieses von ihm gefühlte Erhabene in seiner Liebe bereits anwesend war.

Der zweite Teil des Romans erzählt die endgültige Trennung des Paars. Er zieht für einige Tage nach Kyoto zu einem Freund, während sie die Ausstellung vorbereitet. Sie sehen sich nicht wieder. Als er sich – endlich seiner Liebe zu ihr voll bewusst – wieder auf die Suche nach ihr macht, sich die Ausstellungsräume mit ihren Werken ansieht und dabei endlich erkennt, dass sie genauso wie er in ihren Arbeiten als reflektierendes Wesen zu sich kommt, als Wesen, das über sich hinausdenkt, ist es bereits zu spät. Sie ist abgereist, und er vernichtet mit einem Fläschchen Salzsäure, dass er von Beginn der Handlung an als Zeichen der tödlichen, absoluten Dimension der Liebe bei sich trägt, symbolisch eine Blume, die Blume der Liebe, im Beet vor dem Ausstellungssaal.

Man kann sich kaum vorstellen, dass irgendein Buch in diesem Herbst das neue Werk des letztjährigen Nobelpreisträgers Imre Kertész übertreffen könnte. Es ist ein kurzer Roman von der Liebe über dem Abgrund der Erinnerung und heißt „Liquidation“ (Suhrkamp Verlag, 142 Seiten, 17,90 Euro). Wie in allen Büchern des jüdischen Ungarn Kertész, der 1944 als Vierzehnjähriger nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit wurde, sind seine Protagonisten direkt oder indirekt durch den Holocaust gezeichnet. Keserü, Lektor in einem staatlichen ungarischen Verlag, der nach der Wende 1989 abgewickelt, liquidiert werden soll, hat in seinem Bekannten Bé den „einzig wirklichen Schriftsteller“ erkannt, dem er in seinem Leben begegnet ist. Bé, der 1944 in Auschwitz geboren wurde und deshalb die tätowierte Nummer nicht auf seinem Arm trägt, sondern am Oberschenkel, weil die Neugeborenen zu schmale Ärmchen hatten, erträgt die Last seiner Geburt nicht, wird morphiumsüchtig und bringt sich schließlich um.

Der Lektor Keserü ist neun Jahre lang auf der Suche nach dem verschollenen, großen Romanmanuskript Bés und erfährt zuletzt von Judith, der Ex-Frau von Bé, dass sie entsprechend dem letzten Willen Bés dessen Opus Magnum verbrannt habe. Es handelt sich bei dieser Kunstwerkverbrennung um die symbolische „Zurücknahme von Auschwitz“ – in Umkehrung der Zurücknahme der 9. Sinfonie Beethovens in Thomas Manns „Dr. Faustus“ – zugunsten dieser einen neuen Liebe, der Liebe von Judith zu ihrem zweiten Mann Adam. Judith hatte sich von Bé getrennt, weil sie in einer Welt leben wollte, in der es sich wohnen lässt, in einer Welt, die die Erinnerungen ans unsagbar Schreckliche zwar nicht verdrängt, aber sich nicht von ihnen nachträglich auslöschen lässt.

Vor der universalen Katastrophe, die alle, die ihren Blick – aus gutem Grund – nicht von ihr wenden wollen, versteinert und vernichtet, blüht bei Kertész eine neue Liebe, durch die jedes noch so kleine Alltagsglück zur Epiphanie wird. „Ich weiß nicht, ob es eine Sünde ist“, sagt Judith zu Keserü, „ich bin glücklich.“ Und später heißt es: „Der Hass ist nur die Liebe der Verlierer.“ Imre Kertész’ Metaphysik der Liebe auf dem schwarzen Hintergrund der Geschichte wirft ihr dauerhaftes, warmes Licht auf diesen Bücherherbst.

Vielleicht ist es mit Autoren doch so ähnlich wie mit den Weinstöcken, wenn der Sommer einmal „sehr groß“ war, und der „Herr“ die „letzte Süße in den schweren Wein“ jagt, wie es in Rilkes berühmtem Gedicht „Herbsttag“ heißt. Denn der Wein ist seit jeher nicht nur das Symbol des Liebesrausches. Sondern auch das Symbol gewisser Komponenten, die so schmecken, als seien sie nicht ganz von dieser Welt.

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