Kultur : Der sorbische Faust

Ohne Pass: zum Tod des Schriftstellers Jurij Brezan

Kaspar Renner

In der literarischen Öffentlichkeit galt er als Philemon, Methusalem oder Nestor der Sorben – des kleinsten slawischen Volks, das, so Jurij Brezan, immer schon ein „unersetzbarer Stein im Mosaik des Abendlandes“ gewesen sei. Zuletzt hatte er sich, 89-jährig, um die Übertragung sorbischer Märchen ins Deutsche verdient gemacht. Märchenhaft tragisch geradezu wirkt es, dass der Name Brezans, der vier deutsche Staaten durchlebte, ohne je eine Heimat für seine Muttersprache zu finden, „der Mann, der in den Birken wohnt“ bedeutet.

Brezans Werk ist von der Zerrissenheit eines Sorben geprägt, welcher sich der deutschen Kulturnation „vom Dom zu Aachen bis zu den Romanen Thomas Manns“ stets verbunden fühlte, in deutschen Staaten aber Repressalien ausgesetzt war. Dies dokumentieren schon Brezans frühe Schriften, besonders sein biografischer Text „Mein Stück Zeit“, der Erfahrungen während des NS-Regimes schildert: 1933 trat Brezan illegal einer sorbischen Widerstandsgruppe bei, floh in die Tschechoslowakei und nach Polen. Als ihn im Januar 1945 ein Gestapooffizier mit den Worten zum Galgen führte, er täte dies „um Deutschland willen“, entgegnete Brezan: „Vielleicht liebe ich Deutschland mehr als Sie.“

Brezans Erinnerungsbuch „Ohne Pass und Zoll“ beschreibt sein Verhältnis zur DDR als nicht weniger ambivalent. Mehrfach prämiert, war er lange Jahre Vizepräsident des Schriftstellerverbands, Stellvertreter von Hermann Kant und Anna Seghers. Gewiss, als „Vorzeige-Sorbe vom Dienst“, wie Brezan sich ironisch titulierte, genoss er innerhalb des Systems eine privilegierte Stellung, ins Zentrum des Staats- und Parteiapparats geriet er indes nie: Zeitlebens diagnostizierte er bei sich eine „Allergie gegen die Macht“.

Den Höhepunkt seines Schaffens erreichte Brezan mit „Krabat oder Die Verwandlung der Welt“ (1976), das den Faust-Stoff mit der sorbischen Volkssage verschränkt. Brezan, der Rilke wie Ranke gleichermaßen schätzte, verflicht hier mythische Bilder und historische Ereignisse zu einer grandiosen Allegorie des sorbischen Kampfs gegen Unterdrückung. Ihre Geschichte lässt Brezan mit der biblischen Schöpfung beginnen und schreibt sie im Licht des historischen Materialismus bis ins 20. Jahrhundert fort. Diesen Weg beschreitet auch seine Figur Krabat: ein Zauberer, der – mit dem „Wunderstab der Erkenntnis“ ausgestattet – nach seinem „Glücksland“ sucht. Treffender kann man Jurij Brezan selbst nicht beschreiben. Am Sonntag ist der Lausitzer 89-jährig in Kamenz gestorben.

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