Kultur : Der Sound, der in den Dingen steckt

Lutz Seiler ist einer der erfolgreichsten deutschen Lyriker. Jetzt bekommt der Berliner den Ernst-Meister-Preis

Paul Graf

Die Regionalbahn braucht vom Alexanderplatz nur eine gute halbe Stunde bis Wilhelmshorst. Dennoch ist es, als tauche man dort, zwischen Potsdam und Michendorf, in eine andere Welt ein: Pilze wachsen auf den Wegen, Eichhörnchen laufen übers märkische Pflaster. Am westlichen Ortsrand wohnt Lutz Seiler. Als vor drei Jahren sein Gedichtband „pech & blende“ erschien, kam das einer Sensation gleich. Binnen kürzester Zeit hat Seiler den Kranichsteiner Literaturpreis, den Lyrikpreis Meran, den Dresdner Lyrikpreis und den Anna-Seghers-Preis, kurz: alles gewonnen, was man gewinnen kann. Oder zumindest fast alles, denn jetzt erhält er auch noch den Ernst-Meister-Preis der Stadt Hagen. Selten gab es in der jüngeren deutschen Literaturgeschichte erfolgreichere Gedichte.

Bald kursierte auch ein markantes Bild des Autors: Der 1963 nahe dem thüringischen Gera geborene Seiler entsorge in seinen hochartifiziellen Texten die kontaminierten Reste der DDR. Sein Heimatdorf Culmitzsch war für den Uran-Bergbau der Wismut- AG geschliffen worden. Luftige ideologische Verheißungen des Staates werden von der pechschwarzen, radioaktiv verseuchten Welt der Abraumhalden konterkariert. Der Vater, heißt es da, hatte „die bergwelt gekannt, die raupenfahrt, das wasser, den/ schnaps“. Und die Jungen: „wir hatten/ zitate: dass wir den schattenseiten des planeten/ wenigstens eine lichte entgegenhielten“. Für die neuen Gedichte „vierzig kilometer nacht“ (Suhrkamp, 93 Seiten, 16,90 €) wurde die DDR-Erinnerung zu eng. Kein Gagarin schwebt über dem Text und die Geigerzähler haben ausgetickt. „Es kann sein“, sagt Seiler, „dass dieses Material sich nicht mehr aufdrängt, weil ich es schon benutzt habe. Der neue Band arbeitet sicherlich mehr in der Gegenwart.“ Er führt über eine „deutsche alleenstrasse“ bei Caputh oder über die Autobahn zwischen Saarmund und Berlin. Sand und Kiefern verweisen auf märkische Landschaften.

Seilers Gedichte sprechen vom Übergang in eine neue Zeit („gelobtes land“), von ideologischer Kurzsichtigkeit („dioptrien“) oder einer Stellung der Hitler-Armee bei Leuna, die später Flüchtlingslager, Gefangenenlager, NVA-Kaserne und schließlich ein Gewerbepark war („altes objekt“). Was ihn fasziniert, sind die verschiedenen Zeitsedimente, die sich an den Dingen ablagern. Grundiert sind die Texte von einem Vergehen der Zeit, das jenseits der konkreten Geschichtsschreibung stattfindet. Das Gedicht, das den Band eröffnet, heißt nicht zufällig „vor der zeitrechnung“. In „heimfahrt“ scheinen viele Aspekte von Seilers Lyrik wie in einem Brühwürfel konzentriert: „das ist jetzt alles lesbar“, hebt der Text an und deutet auf die verschrifteten Erfahrungsstoffe. „halb / dunkel draussen sprechen tauben aus / dem holz. stationen / bahnstationen, nachbarstaaten: ich / bin müde auf dem hocker“.

Der Ton macht das Gedicht

Viele der Gedichte „schauen“ von Drinnen nach Draußen, erweitern sukzessive ihre Bildbereiche. Immer wieder wird Natur durchgearbeitet, Tiere und Pflanzen begegnen dem Ich auf gleicher Augenhöhe, sprechen es an. Das Ich ist stark in Seilers Lyrik. „Archaisch“ nennt er es, auch in Kontrast zu den dissoziierenden Ichs pluralistischer Gesellschaften. Es sei geboren aus der Notwendigkeit, „unter dem Wahrheitsmonopol der Diktatur“ als Eigenes und Differentes „zu überwintern“. Im Gedicht dient es ihm als „eine klare Perspektive“, die wahrnimmt und Bilder organisiert. „ich sah“, so endet „heimfahrt“, „dinge, die vom tisch / herunter stürzten, in / denen ich enthalten war“. Wie der Franzose Francis Ponge, auf den er sich beruft, ist Seiler ein Anwalt der Dinge. Ihm geht es darum, auch unbelebte Gegenstände aus dem Raster der menschlichen Bestimmungen zu befreien und ihnen zu geben, was man ihre Würde nennen könnte. Statt die Dingwelt im Diskurs zu zähmen, sie menschlichen Zwecken verfügbar zu machen, versucht er, „im Idealfall die Dinge selbst zur Sprache kommen zu lassen.“

Anstelle einzelner, klar umrissener Bilder bleibt nach der Lektüre oft der Eindruck einer dichten Atmosphäre. „Man kann dann eine Geschichte erzählen“, wünscht sich Seiler, „aber man weiß nicht genau, welche.“ Viele Texte speichern – wie zuweilen Musikstücke – Gefühls-Erinnerungen. Denn das Gedicht „erzählt keine Geschichte, es erzählt ihren Ton“. Natürlich muss das Bildmaterial präzise komponiert sein, aber es ist der Ton, der schließlich den Ausschlag gibt. Deswegen spricht Seiler beim Schreiben. „Wenn der Text stimmt, kann ich das hören.“ Ob ihm konkrete musikalische Muster als Gerüst dienen? Das nicht, aber „die Musik der Sechziger- und Siebzigerjahre, die war schon prägender als literarische Vorbilder.“ Pink Floyd und der Blues also statt Christa Wolf und Heinrich Böll.

Lutz Seiler ist spät zur Literatur gekommen. Während der Debütband „berührt / geführt“, 1995 im Berliner Oberbaum-Verlag publiziert, fast ohne Echo blieb, sind seine Gedichte heute ins Englische, Italienische, Französische, Polnische, Slowenische und Schwedische übersetzt. Seit 1997 leitet er das Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst. Dass er mit seiner Frau und zwei Kindern dort wohnt, wo einst der Herausgeber der Zeitschrift „Sinn und Form“ dichtete, ist ein beständiger Quell von Missverständnissen. Dabei hat seine Lyrik nichts mit der von Huchel zu tun. An „hubertusweg“, mit dem Seiler einen bekannten Huchel-Titel neu besetzt, lassen sich die Schwierigkeiten ablesen, an einem Ort zu schreiben, wo „jeder / psalm verfolgt / vom psalmodieren“ – des Vorbewohners – ist.

Im Kieferngewölbe

Gerade ist Seiler von einem dreimonatigen Aufenthalt in der „Villa Aurora“ in Los Angeles zurückgekommen. Hat sich sein Bilderreservoir dort erweitert? „Ja, natürlich“, räumt er ein, nur brauche es bei ihm einen größeren Abstand, bevor aus neuen Erfahrungen Texte entstehen. Begeistert erzählt er von der Offenheit der Amerikaner. Gemeinsam mit einem Cellisten und einer Sängerin hat er sogar eine CD aufgenommen. „Es kommen immer neue Eindrücke dazu. Aber es gibt eine Ausgangslage, die bestimmt, was man später wahrnimmt. An ihr baut das Neue an.“ Im nächsten Jahr erscheint ein Essay-Band. Außerdem zieht es Seiler zur Prosa. Das Haus am Wilhelmshorster Hubertusweg, sein „Kieferngewölbe“, bleibt einer der interessantesten Plätze der deutschen Gegenwartsliteratur.

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