Kultur : Der Sound der Kniegeige

Carsten Niemann

Es gibt Konzerte, deren Erfolg sich auch nach diplomatischen Kriterien bemisst. Über einen solchen Erfolg konnte sich die Botschaft der Volksrepublik China freuen. Der Staatsbesuch von Präsident Jiang Zemin steht bevor, und aus diesem Anlass hatte man im Konzerthaus den Auftritt des Staatlichen Chinesischen Rundfunkorchesters für traditionelle Musik unter seinem charismatischen Dirigenten Pang Ka Pang organisiert. Prominente wie Manfred Stolpe und Miss Germany Katrin Wrobel schmückten die Gästeliste, und der Jubel über eine schmissige "Berliner Luft" war groß. Diese Zugabe wies auch den Weg zum angemessenen Genuss des Abends: als hoch professionelles Promenadenkonzert mit exotischem Kolorit. Das 1953 gegründete Ensemble stellt den Versuch dar, ein Sinfonieorchester aus (mehr oder weniger veränderten) traditionellen chinesischen Instrumenten zu schaffen. Erstaunlich war, welcher Breitwandsound sich den chinesischen Kniegeigen mit ihren winzigen Resonanzkörpern entlocken lässt. Dem Tutti der Blechblasinstrumente konnten sie allerdings nicht standhalten; hier scheint es noch ein strukturelles Balanceproblem zu geben, weswegen man wohl auch in der Bassregion auf westliche Kontrabässe zurückgriff. Ähnlich hybrid wirkten die Kompositionen, bei denen es sich vor allem um Arrangements von Volkmusik handelte. Hier kämpfen chinesische Komponisten mit denselben Schwierigkeiten wie westliche Kollegen: Schon die Intimität und Selbstgenügsamkeit des westlichen Volkslieds sperrt sich oft gegen Pathos und Entwicklungsgedanken der Sinfonik; die chinesische Musik mit ihren oft fünftönig kreisenden Melodien hat es noch schwerer. Am überzeugendsten gelang das beinahe jazzig swingende "Die dunkle Nacht" mit der Solistin Jiang Kemei: Bei ihrem extrovertierten, virtuosen Spiel mutete sie den Hörern auch schärfere Klangnuancen der schrillen Kniegeige Jinghu zu, während Wu Huas Arrangement ein fröhliches Ja zum Crossover-Pop sagte.

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