Kultur : Der Spätberufene

JAN SCHULZ-OJALA

Gesetzt den Fall, die Schwedische Akademie achtet sorgsam darauf, auf der Höhe ihrer Schaffenskraft befindliche Literaten nicht zu früh mit der Wucht des jeglichen irdischen Ehrgeiz erschöpfenden Nobelpreises zu treffen, so hat sie gestern mittag eine weise Wahl getroffen.José Saramago, der erste mit dem höchsten Poeten-Lorbeer bedachte Portugiese überhaupt, ist 75 Jahre alt, sein schärfster Konkurrent aus eigenem Landeslager dagegen zwanzig Jahre jünger - Antonio Lobo Antunes, den manche für den ungleich phantasiestärkeren, sprachmächtigeren und zeitgemäßeren halten.Blickt man auf die hochsensible Wünschelrute, mit der das Nobel-Komitee Jahr für Jahr auf die Suche geht, stets für Abwechslung zwischen Kontinenten, Ländern, aber auch den Feldern Epik, Lyrik und Dramatik sorgend, so ist Antunes von nun an ein ganz besonders langes Leben zu wünschen.Andererseits: Was ginge womöglich der Weltliteratur verloren, zöge er sich plötzlich von der gewaltigen Bühne seiner Wörter zurück - mit einem Schlag ermattet, nur weil das Wünschen schon geholfen hat?

Scherz beiseite, hier gilt es, zu würdigen.Und tatsächlich, Antunes beiseite, fällt dies nicht wirklich schwer.Schon im vergangenen Jahr hatten, bevor die Wahl zur allgemeinen Verblüffung und Erheiterung auf den italienischen Polit-Bänkelsänger Dario Fo fiel, viele auf einen der beiden Portugiesen getippt - nicht nur die Germanozentriker, die flugs das 97er Buchmessen-Motto Portugal zum Wink mit dem schwedischen Zaunpfahl hochdeuteten.Nun also ein Jahr später Saramago: Der unumstrittene Doyen der portugiesischen Literatur, international meistgelesen und national meistgeschätzt, schürft tief in portugiesischer Vergangenheit und in den Mythen der Welt, denkt zugleich ironisch, mitunter sarkastisch, also modern - und, vor allem, seine Sprache verlangt den Lesern etwas ab.Fast mahnend tönt da das Lob an die Adresse der derzeit so geschätzten Ex-und-Hopp-Literaten mit ihren nur saftig erzählten Geschichten, wenn die Akademie Saramago eine "eigensinnig entwickelte, vielbödige Romankunst" bescheinigt.Ja, der Obenhin-Leser mag sich schwertun mit diesen Wechseldialogen, denen keine An- und Abführung die Leitplanken setzt, mit diesem planvoll verwirrenden Raunen, in dem es nicht immer darauf ankommt, wer gerade spricht, sondern daß Wörter fallen.Ineinanderfallen.Sich aneinander aufbauen wie Gedanken.Insofern mag sich nicht nur Saramagos hiesiger Verlag Rowohlt freuen, daß der Sortimentsbuchhandel endlich einmal wieder - wohl erstmals seit Nadine Gordimer 1991 - anständig auf einen Nobelpreisträger vorbereitet ist; die Wahl ist ein Glücksfall für alle, die die Literatur, also die Sprache, lieben.

Dabei darf José Saramago, trotz seiner 75 Jahre, durchaus als "junger" Autor gelten.Denn der Bauernsohn aus der Provinz Ribatejo, der Maschinenschlosser werden mußte (für das Abitur reichte das Geld der Eltern nicht) und später als Büroangestellter und Journalist arbeitete, ist ein Spätberufener.Sein erster Gedichtband erschien, als er 44 Jahre alt war, sein erster Roman, "Handbuch der Malerei und Kalligraphie", noch einmal zehn Jahre später.Den Durchbruch in Portugal erzielte Saramago erst 1980 mit seiner über mehrere Generationen sich erstreckenden Bauern- und Tagelöhnersaga "Hoffnung im Alentejo", und erst als Sechzigjähriger war er plötzlich - mit "Das Memorial" - weltberühmt.Auch dies ein Buch, das seine Kraft aus einer unverwechselbaren Anverwandlung von Geschichte schöpft: Saramago entlarvt der Klosterbau zu Mafra, Renommier-Marotte eines Königs zu Beginn des 18.Jahrhunderts, als planmäßiges Mordwerk an den Tausenden von Arbeitern, die für den Bau herangezogen wurden.Beide Bücher begründeten zugleich das Leitmotiv seiner literarischen Biographie: Historische Stoffe dienen dazu, Überlieferung umzuschreiben und mitunter neu zu erfinden, im Zweifel gegen die Autoritäten.Als vor sechs Jahren Saramagos "Evangelium nach Jesus Christus" erschien, eine sehr freie éducation sentimentale, die den Gottessohn als Zweifler und heftigen Liebenden (der Hure Maria Magdalena) darstellt, machte das Buch im zwar lange schon nicht mehr faschistischen, wohl aber katholischen Portugal Skandal: ein Unterstaatssekretär ließ es eigenmächtig von einer Literaturpreis-Liste streichen.

Ein Unterschicht-Impetus treibt Saramago, zweifellos, einen Kommunisten noch dazu.Doch der Befund schließt sein Werk eher ein als auf.Denn diesen lusitanischen Weltliteraten treibt ein tiefer existentieller Pessimismus.Am schlackenlosesten erschließt er sich in Saramagos neuestem, vielbeachteten Buch "Die Stadt der Blinden", mit dem man durchaus die Zeitreise rückwärts ins Werk des Portugiesen antreten kann.Eine Epidemie läßt alle Menschen erblinden; sie gebärden sich wie Tiere, bald herrschen Chaos, Gewalt und Anarchie.Es ist Gegenwart und alle Zeit wie nie zuvor bei Saramago; in schmuckloser, ja, wie berichtender Sprache exekutiert er sein Personal - und mit grandioser, freilich geradezu alttestamentarischer Strenge.Der Firnis der Zivilisation ist dünn, sagt dieses Buch.Und es berauscht sich daran, daß es ihn zerstört.

Neun Bücher Saramagos auf deutsch erhältlich

Bei der Frankfurter Buchmesse des vorigen Jahres war Portugal der Länderschwerpunkt: Anlaß für den Rowohlt Verlag (Reinbek), die Werke seines Autors José Saramago damals in neuer Ausstattung als Taschenbücher vorzulegen.

Jetzt werden sie zur Nobelpreisverleihung auf um so größeres Interesse stoßen.Es handelt sich um die Romane "Hoffnung im Alentejo" (14,90 Mark), "Das Evangelium nach Jesus Christus" (19,90 Mark), "Das Todesjahr des Ricardo Reis" (19,90 Mark), "Das steinerne Floß" (16,90 Mark), "Das Memorial" (16,90 Mark), "Geschichte der Belagerung von Lissabon" (16,90 Mark), "Handbuch der Malerei und Kalligraphie" (14,90 Mark) - beide ihren Sachbuchtiteln zum Trotz ebenfalls Romane - sowie die phantastischen Erzählungen "Der Stuhl und andere Dinge" (12,90 Mark).

Als Hardcover ist, ebenfalls bereits seit dem Vorjahr, der Roman "Die Stadt der Blinden" erhältlich: "einer der schönsten, wenn nicht der schönste Roman des Autors", wie die Jury für den Prêmio CamÄoes seinerzeit befand. Tsp

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