Kultur : Der Spatz auf dem Dach

Star des Eröffnungsfilms: Marion Cotillard ist Edith Piaf in „La vie en rose“

Olivier Le Floc’h

Funkelnder Blick, verführerisches Lächeln – die junge Marion Cotillard hätte nichts weiter als eines der vielen hübschen Gesichtchen des französischen Kinos werden können, die eines Tages auftauchen, um ein paar Filme später schon wieder vergessen zu sein. Doch nach einer Reihe von Nebenrollen nimmt die Laufbahn der 31-Jährigen gerade eine vielversprechende Wende – schließlich hat sie die Rolle der Edith Piaf in Olivier Dahans „La vie en rose“ gestemmt. Eine doppelt schwierige Aufgabe: Zum einen sollte sie die Sängerin von ihren Jugendjahren bis zum Lebensende überzeugend verkörpern; zum anderen sind die Erwartungen des französischen Publikums gerade hierbei immens. Denn Edith Piaf ist ein veritabler Mythos. Bis heute hat sie ihren festen Platz im Herz der Franzosen. Marion Cotillard hat die große Herauforderung angenommen – und bestanden.

Mit dem Theatermilieu ist Cotillard seit frühester Jugend vertraut: Die Eltern sind Schauspieler. Schon als 16-Jährige hatte sie ihre erste Rolle beim Film und arbeitete zunächst mit Arnaud Desplechin („Comment je me suis disputé“) und Colin Serreau („La Belle verte“). Kleine Talentproben, nicht mehr. Bekannt wird sie mit dem von Luc Besson produzierten Blockbuster „Taxi“, dem zwei Fortsetzungen und ein US-Remake folgen. Für ihren Auftritt in „Taxi“ gelangt sie auf die Nominierungsliste der französischen Oscars – die Nachwuchspreis-Kategorie heißt hier, elegant französisch, „César für die schönste weibliche Hoffnung“. Gewinnen tut sie ihn zwar noch nicht, aber sie ist entdeckt, kommt ins Gespräch. Eigentlich nichts, was ihre Karriere jetzt noch aufhalten könnte.

Doch seltsam: Die Jahre und die Filme gehen ins Land, nur die Karriere der Marion Cotillard kommt nicht voran. Ironie der Filmpreisgeschichte: Noch einmal wird sie 2002 als „weibliche Hoffnung“ für die Césars nominiert, aber wieder nichts. Doch die Schauspielerin lässt nicht locker. Zwei Jahre später werden ihre Anstrengungen in Jean-Pierre Jeunets „Mathilde – Eine große Liebe“ belohnt, und endlich gibt es einen César, für die beste Nebendarstellerin. Wichtiger noch: Auf dem Plakat ist Cotillard mit anderen Schauspielern zu sehen, die wie sie auf dem Sprung zum Star sind: Clovis Cornillac etwa oder auch Gaspard Ulliel, der inzwischen mit Gus van Sant dreht und gerade in „Hannibal Rising“ Lecter den Kannibalen gab. Vor allem aber steht sie plötzlich fast auf einer Stufe mit der Titelheldin von „Mathilde“: Erst wenige Jahre zuvor hatte der Regisseur die unbekannte Audrey Tautou als „Amélie“ über Nacht zum Weltstar gemacht. Überhaupt ähneln sich die beiden Schauspielerinnen auf verblüffende Weise: Unglaublich frisch und mit unwiderstehlichem Charme geben sie die Kindfrauen. Der Auftritt in „Mathilde“ zeigte bereits, wie sehr Cotillard nur noch eine einzige Rolle brauchte, um ihr schillerndes Talent endlich zu entfalten.

Diese Rolle ist jetzt: der Spatz von Paris, die Piaf in „La vie en rose“. Es braucht schon ein großes Selbstbewusstsein, um sich an diesen Job heranzuwagen. Und Marion Cotillard weiß, wie hoch der Einsatz ist. Schließlich ist die Piaf nicht irgendeine Künstlerin – noch 23 Jahre nach ihrem Tod ist sie ein Idol, und ihre Platten verkaufen sich in Frankreich wie im Ausland ausgezeichnet. „La vie en rose“, „Milord“, „La foule“, „Non, je ne regrette rien“ – das sind unkaputtbare, ja für eine ganze Epoche emblematische Klassiker des französischen Chansons, unsterblich geworden durch eine außergewöhnliche Stimme von ungeheurer emotionaler Kraft. Und dann ist da Piafs extremes Leben, das faszinierend oszilliert zwischen Erfolg und Tragödie: die Flugbahn eines fragilen Vögelchens, das aus den Pariser Elendsvierteln davonflatterte bis in die Music-Halls von New York. Ein Romanleben, ja, fast selber schon ein Film.

In „La vie en rose“ ist das alles zu finden: Kindheit im Bordell, Jugend im Zirkus, Auftritte als Straßenmusikerin, die erste Begegnung mit dem Cabaret-Besitzer Louis Leplée, gespielt von Gérard Depardieu. Prompt engagiert er sie für sein schickes Etablissement Le Gerny’s. Ihm verdankt Edith Gassion, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, ihren Spitznamen „La môme Piaf“. Dabei steht „môme“ – zu Deutsch: „Göre“ oder auch „Knirps“ – dafür, dass sie zeitlebens über die 1,47 Meter nicht hinauswuchs: „Piaf“ hingegen ist ein Slangausdruck für „Spatz“.

Ab diesem Zeitpunkt begann für sie ein neues Leben. Nicht ohne Wunden. Unvergessen ist in Frankreich der Flugzeugabsturz, der die Liebe ihres Lebens, den legendären Boxchampion Marcel Cerdan, in den Tod riss. Oder auch die berühmten, berüchtigten „tournées suicides“, bei denen Piaf, bereits körperlich völlig am Ende, unbeirrbar auf die Bühne stieg und gegen die Erschöpfung ansang, bis zu ihrem Tod mit 47 Jahren. Denn singen – das war ihr Leben.

Edith Piaf hat sich ihre Popularität hart, mitunter starrsinnig erkämpft: unerbittlich gegen sich selbst und zerbrechlich zugleich. Diese subtile Mischung hat Marion Cotillard sich für die Leinwand anverwandelt – durch unzählige vorbereitende Gespräche und die Besichtigung entsprechender Filmdokumente. Nichts sollte wie blasse Nachahmung wirken, nein, die Sängerin sollte auf der Leinwand auferstehen.

Ob Marion Cotillard als Piaf nun die neue Audrey Tautou wird, umjubelt, ein internationaler Star? Der Film, der heute die Berlinale eröffnet und zugleich seine Weltpremiere feiert, ist bereits in 35 Länder verkauft – und Cotillards Charme selber ist ohnehin schon auf der anderen Seite des Atlantiks angekommen. Sie hat in Tim Burtons „Big Fish“ gespielt und in Abel Ferraras „Mary“. Zuletzt sah man sie mit Russell Crowe in Ridley Scotts Komödie „Ein gutes Jahr“. Aber das waren Petitessen im Vergleich zu „La vie en rose“. Jetzt wird Marion Cotillard erst einmal im Rampenlicht ihres Lebens stehen – und dann, ja dann, wird alles darauf ankommen, wie behutsam sie sich von dieser überwältigenden Rolle löst.

Marion Cotillard, geboren am 30. September 1975 in Paris , gehört zu den neuen Stars des französischen Kinos.

Zunächst fiel sie mit Nebenrollen in Filmen wie „Taxi“ und Mathilde – Eine große Liebe von Jean-Pierre Jeunet auf. Für „Mathilde“ wurde sie mit dem César als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet.

In den USA arbeitete Cotillard anschließend mit Tim Burton („Big Fish“) und Abel Ferrara („Mary“). Im vergangenen Jahr verdrehte sie in Ridley Scotts „Ein gutes Jahr“ als provenzalische Schönheit Russell Crowe den Kopf.

La vie en rose eröffnet heute Abend den Wettbewerb der 57. Berliner Filmfestspiele.

Cotillard porträtiert

darin die Chansonlegende Edith Piaf.

Olivier Dahans Film

startet am 22. Februar in den Kinos.

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