Kultur : Der SPD-Mann Michael Müller über ein Leben ohne Kernkraftwerke

Walter Jungbauer

Wenn es nach dem Willen der SPD gegangen wäre, würden wir in Deutschland bereits seit drei Jahren unsere Energie ohne die Nutzung der Atomkraft erzeugen. Bei nur zwei Gegenstimmen beschloss die Partei der Genossen 1986 auf ihrem Nürnberger Parteitag kurz nach der Katastrophe von Tschernobyl: "Wir werden alles tun, damit innerhalb des Zeitraums von zehn Jahren eine Energieversorgung ohne Atomkraft in der Bundesrepublik Deutschland verwirklicht wird."

Einst ein brüllender Tiger

Vielleicht muss Michael Müller sich diesen Beschluss immer wieder vor Augen führen, um nicht daran zu verzweifeln, dass die Partei damals als brüllender Tiger gesprungen ist, um heute als zahnloser Bettvorleger zu landen und darüber streitet, ob es unbedingt weniger als 30 Jahre Laufzeit für ein AKW sein müssen.

Vielleicht ist von daher auch verständlich, dass Müller im Titel seines Buches fast etwas verzagt und gleichzeitig beschwörend verkündet: "Der Ausstieg ist möglich". Da kommt kein Aufbegehren mehr durch, kein Protest gegen eine Atompolitik, die mit den Nürnberger Parteitagsbeschlüssen nichts mehr gemein hat. Da wird vielmehr deutlich, dass er seinen Parteichef, Bundeskanzler Gerhard Schröder, schon gar nicht mehr davon überzeugen kann, dass der Ausstieg "nötig" ist, sondern dass vielleicht schon viel erreicht sein könnte, wenn der Kanzler ihn zumindest als "möglich" betrachtet. Wen kann es dann wundern, dass sich zur Buchvorstellung in der Bremer Landesvertretung Bundesumweltminister Jürgen Trittin einfand, um die Laudatio zu halten.

Müllers Buch ist ein engagiertes und gut begründetes Plädoyer für den Atomausstieg. Seine Ausführungen zeigen: Ohne Ausstieg droht eine Energiewende in Richtung Einsparen, und der Klimaschutz würde auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden. Die Politik sei hier in der Pflicht, dem Wettbewerb eine neue Richtung zu geben, um die Koordination in Richtung Effizienzrevolution und Solarwirtschaft zu verschieben. Denn wenn nicht eingegriffen werde, würde die notwendige Wende in der Energiepolitik durch international operierende (Atom-)Stromverkäufer massiv blockiert.

Im zweiten Teil seines Buches vermittelt Müller einen Eindruck von den schlaraffenlandartigen Visionen, die sich zu Beginn der zivilen Nutzung der Atomenergie vor den Augen der Menschen auszubreiten schienen. Dem Leser wird deutlich, welche Faszination davon ausgegangen sein muss, eine schier unerschöpfliche und scheinbar vollkommen unproblematische Energiequelle entdeckt zu haben, die "Wohlstand für alle" versprach. Der Autor erinnert auch daran, dass seine eigene Partei 1956 auf ihrem Parteitag in München die Erste war, die einen "Atomplan für Deutschland" entwarf, der vorschlug, selbst die Verkehrsmittel mit Kernkraft zu betreiben. Verschärft wurde dieses Denken in den siebziger Jahren, als die Ölkrise der Atomenergie enormen Aufschwung verschaffte. Erst die Katastrophe von Tschernobyl 1986 brachte die Wende im Denken über die Atomkraft.

Geknackter Naturtresor

Müller mahnt die Notwendigkeit einer grundlegenden Strukturveränderung der Energieversorgung an: "Im Übergang in das neue Jahrtausend liegt der weltweite Energieumsatz fast zwanzig Mal höher als im Jahr 1900. Dies hat jedoch zwei schwerwiegende Nachteile. Das fossile Energiekapital ist begrenzt, und ein Übermaß an Emissionen schädigt die Kreisläufe der Natur. Die moderne Zivilisation knackt den Naturtresor und raubt ihn aus." Und die Atomenergie trage ihren Teil dazu bei, dass sich hier keine Wende einleiten lasse: Denn sie verlocke eher zur Energieverschwendung statt dazu, sich der Aufgabe des Energieeinsparens zu stellen. Das Zentrum einer nachhaltigen Energieversorgung aber müsse sein, unnötige Energieverbräuche zu vermeiden. Das Einsparpotenzial von über 40 Prozent sei noch nicht mal ansatzweise ausgeschöpft.

Grundwissen für die Atomdebatte

Insgesamt ist das Buch ein fleißiges Zusammentragen von Daten, Fakten und Hintergründen, welches dem Neueinsteiger in die Atomdebatte eine gute Basis verschafft, von der aus man sich vertieft in die unterschiedlichen Teilgebiete dieser facettenreichen Auseinandersetzung begeben kann. Dem Anti-Atom-Aktivisten wird das Buch allerdings nicht viel Neues bringen.

Hier schreibt ein Mitglied der Bundestagsfraktion der regierenden SPD. Von daher sollte dieses Buch zumindest zu einer Pflichtlektüre für Müllers Genossen werden. Denn zu den erwähnten Anti-Atom-Aktivisten scheinen diese nicht (mehr) zu zählen - und vielleicht erinnert sich dann auch der jetzige Bundeskanzler, dass er als Juso mal etwas gegen Atomkraft hatte.Michael Müller: Der Ausstieg ist möglich. Eine sichere Energieversorgung ohne Atomkraft. Dietz Verlag, Bonn 1999. 192 Seiten. 19,80 DM.

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