Kultur : Der Speer ist schwer

Ulrich Amling

Tiefer Grimm zog sich über des Meisters Stirn. Die Flugmaschinen für die Rheintöchter verklemmt! Hunding über seinen Pelzumhang gestolpert! Und Grane, das Ross, hatte sich auf der Bühne erleichtert. Zur Hölle mit dem Illusionstheater, dachte Wagner während der Proben zur "Ring"-Uraufführung. Und nach einem kühlen Schluck Weißbier hatte der Gesamtkunstwerker seine brillanteste Idee: Nachdem ich das unsichtbare Orchester erfunden habe, rief er donnernd aus, gelüstet es mich nun nach dem unsichtbaren Theater. Leider fand Wagners Wollen keinen Walter - und so blockieren "Ring"-Projekte weiterhin alle Werkstätten und Kostenstellen der Opernhäuser.

Nun darf man Willy Decker sicher nicht zu den unsensiblen Abzockern der Regie-Branche zählen und ihm glauben, dass er und sein Bühnenbilder Wolfgang Gussmann seit vielen Jahren über Wagners Tetralogie gebrütet haben. Schließlich rechtfertigt der Anlass auch den einen oder anderen Gedanken: der erste "Ring" an der Dresdner Semperoper seit 1943! Wagners "Wunderharfe", die Sächsische Staatskapelle, im Graben! Sechs Millionen Mark Sponsorengelder!

Auf den Erwartungsdruck reagierte Decker mit der Geste derer, denen die (Aufführungs-)Geschichte keinen Ausweg mehr lässt: Sie postulieren einen "dritten Weg". So startete im Oktober "Das Rheingold" mit dem Versuch, eine Art mythische Illusionslosigkeit zu kreieren. Die weißen Rahmen von Theaterstühlen wölbten sich zu den fließenden Urklängen über die Bühne. Natur und Theater überlagern sich im einem poetischen Bild, um gleich darauf durch eine gigantische Kasperlebühne getrennt zu werden. Decker ordnet Wagners Weltenspektakel als Theater auf dem Theater an, gibt Unmittelbarkeit der Wirkung hin für ein geschärftes Rollenspiel: Wer zieht ihn auf, den Vorhang? Wer manipuliert hier wen?

Natürlich ist es Wotan, der zu Beginn der "Walküre" Siegmund allein dazu erweckt, sein Spiel zu spielen. Das Bühnenbildmodell, das der Göttervater eben noch in seiner Hand hielt, ragt flugs riesig empor - Hundings Hütte, ein Alptraum aus Pappmaché und Decefix-Folie, Dekor Kiefer natur. Doch so stark Wotans Wille, so kläglich seine Wirkung. Siegmund und Sieglinde scheinen gar nicht bei sich zu sein, sie rudert wild dem Strudel der Hysterie entgegen (Evelyn Herlitzius mit ungewohnt vielen falschen Tönen, aber starker Präsenz), er droht in völliger Agonie zu versinken (Robert Gambill stimmlich wie darstellerisch weitgehend unbeteiligt). Wotan guckt zu beim Inzest, die Musik blüht auf - und alles wird kalt.

Schnell erweist sich, dass nicht Wotans, sondern Willy Deckers Regie versagt hat. Hinter der vermeintlich gebrochenen Sicht auf das Geschehen verbirgt sich ein geborstenes Konzept. Eine inszenatorische Leerstelle gähnt die nächste an. Heillos muss Wotan an Tempelmodellen rütteln und dazu seinen Speer hochreißen, wie Hitlers Albert im Germania-Rausch. Doppelte Ebene? Einfaches Theaterelend! Um weitere Ungeschicklichkeiten zu vermeiden, wird Siegmund unsichtbar auf der Nebenbühne erlegt. Und die properen Walküren hängen ratlos im längst zum sinnlosen Ornament verkommenen Bühnentheatergestühl, festgeklemmt irgendwo zwischen den Reihen 3 und 6. Hier sagen sich auch Brünnhilde und Wotan Lebewohl, erstarrt im Parkett sitzend: ein Bild tiefster Depression.

Diese schier endlose "Walküre" hat keinen Sturm im Herzen entfacht, und das liegt neben Deckers Schiffbruch vor allem an Semyon Bychkov. Die Staatskapelle lässt er im Leerlauf durch die Partitur tuckern, kann aber aus der Langsamkeit kein Mehr an Deutlichkeit ziehen. Zu wattig breitet sich der Luxusklang aus, unfähig zu dramatischer Zuspitzung: Bychkovs Dirigat - ein letzter fehlender Beweis dafür, dass es stinklangweilig ist, in Schönheit zu sterben. Eines zumindest können sich die Dresdner rühmen: Sie haben mit dem erst 32-jährigen Peteris Eglitis einen Wotan engagiert, der schon jetzt beeindruckend gestaltet und neben der treffsicheren Brünnhilde Deborah Polaskis souverän seinen Mann steht. Um den "Ring" indes steht es schlecht.

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