Kultur : Der Spieler

Zum Tod des Bandleaders Artie Shaw

Kai Müller

Die Klarinette ist ein unmögliches Instrument geworden. Es gibt kaum noch Jazzmusiker, die das schwarze Instrument trotz seiner immensen Oktavspanne spielen. Fiepsig ist noch das netteste, was über die Klarinette zu sagen einem heute einfällt. Dabei ist sie das Ausdrucksmittel der großen Swing-Musiker gewesen, wie Benny Goodman und dessen Gegenspieler Artie Shaw.

„Artie hatte nur ein Ziel im Leben“, erzählte ein Weggefährte: „besser zu sein als Benny.“ Da es Goodman nicht anders ging, erwuchs aus dieser Rivalität ein ständiger Kampf um den Titel „King of Swing“, der Shaw bereits 1938 vom „Downbeat Magazine“ verliehen wurde. Während Goodman den Goldenen Schnitt der Swing-Ära markierte und das eigene Orchester bestenfalls als Vehikel seiner solistischen Ambitionen verstand, strebte Shaw stets über die Grenzen des Jazz hinaus. 1910 als Arthur Jacob Arshawsky in New York geboren, wuchs Artie Shaw in New Haven auf und begann seine grandios erfolgreiche Karriere eher bescheiden in Cleveland. Er schlug sich als Studio-Söldner durch, war auf Plattenaufnahmen für Teddy Wilson und Red Norvo zu hören. Sein Ton unterschied sich deutlich von dem seines Antipoden Goodman. Er war warm, lyrisch und neigte zur Verfeinerung, weshalb man seinen Stil „impressionistisch“ nannte. Die Big Band, die er nach einem revolutionären Auftritt mit Streichquartett 1936 ins Leben rief, begriff er bald als sein eigentliches Instrument. Nicht nur bezog er immer wieder Streicher in das Ensemble mit ein, er pflegte auch einen kammermusikalischen, feingliedrigen Grundton, der sich oft ins Symphonische ausweitete. Mit den Gramercy Five, einer Werkstatt-Band innerhalb der Band, ging er den umgekehrten „heißen“ Weg. Shaw war einer der ersten weißen Bandleader, der auch schwarze Solisten hervorhob, darunter Billie Holiday. So nahm er in der Hochphase des Swing kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vorweg, was in der US-Armee bald selbstverständlich werden sollte.

Doch gab sich der elegante Mann, der achtmal verheiratet war – die Hollywoodstars Ava Gardner und Lana Turner zählten zu seinen Frauen – mit dem beträchtlichen Reichtum, der ihm aus seinen zahllosen Platten und Hits wie „Begin The Beguin“ zuteil wurde, nicht zufrieden. Mit 44 Jahren zog er sich aus dem Musikgeschäft zurück und begann eine zweite Karriere als Filmproduzent und Schriftsteller. Artie Shaw war ein Spieler. Ein Intellektueller, der nur deshalb nicht für einen Kommunisten gehalten wurde, weil er dafür zu reich war. Am Donnerstag starb er im Alter von 94 Jahren.

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