Kultur : Der Spielfeldforscher

Die Galerie Carlier Gebauer zeigt Fotos und Filme von Paul Pfeiffer

Ulrich Clewing

Am Abend des 25. Juni 1964 betrat Andy Warhol das Time Life Building in New York, fuhr mit dem Aufzug in den 44. Stock und baute seine Kamera auf. Der Film, den er dort oben zu drehen beabsichtigte, sollte nur aus einer einzigen Einstellung bestehen, dafür aber recht lang dauern. Und so filmte er ohne Unterbrechung acht Stunden das damals wohl berühmteste Gebäude von Manhattan, das Empire State Building, und nannte das Resultat „Empire“. Das Werk ging gleichermaßen in die Kunst- und in die Filmgeschichte ein. Zum ersten Mal entsprach die Zeit im Film der realen Zeit, auch wenn die Handlung, die da eins zu eins wiedergegeben wurde, manchem etwas eintönig erschien.

Vierzig Jahre später schuf Paul Pfeiffer seine Version von „Empire“. Und auch diese stellt, so wie seinerzeit Warhols Ur-Fassung, alles Bisherige in den Schatten. Denn drei Monate gefilmte Echtzeit gab es noch nie. Pfeiffer zeigt allerdings keinen Wolkenkratzer, sondern gewissermaßen eine interpretatorische Abwandlung: ein Wespennest. Doch vielleicht ist das auch schon zu polemisch gedacht, denn was man in dem Film sieht, ist nicht unbedingt geeignet, sozialkritische Analogien zu ziehen. Es ist einfach ein Wespennest mit einer Wespenkönigin, deren vordringliches Anliegen sich darin erschöpft, ihre Art zu erhalten. Und man kann ihr drei Monate dabei zuschauen. Ein Gedanke, der einem leichte Schauer über den Rücken jagt.

Andererseits hat Pfeiffer erwiesenermaßen eine Vorliebe für Themen, die Mythen der amerikanischen Moderne in entlarvender Weise aufgreifen. So präsentiert die Galerie Carlier Gebauer neben dem unverkäuflichen „Empire“ unter anderen auch eine Serie von Fotos aus dem Bereich des Sports, der er den kongenial-reißerischen Titel „Die vier apokalyptischen Reiter“ verpasst hat (je 25000 Dollar, Auflage 6). Dem Basketballspiel hat Pfeiffer schon früher eine Reihe von Arbeiten gewidmet, jetzt zog er die Schraube noch ein bisschen weiter an. Auf den Fotos ist jeweils nur ein Spieler zu erkennen, die anderen wurden in einem aufwändigen Verfahren wegretuschiert.

Außerdem entfernte Pfeiffer digital den Ball, nach dem sich der Spieler reckt. Er streckt sich, verrenkt sich, dreht sich um die eigene Achse, strebt nach einem Ziel, das so weit entfernt ist, dass sich der Eindruck von heroischem Pathos nicht länger vermeiden lässt. Genau das entspricht natürlich des Künstlers Absicht. Um den realistischen Kern einer Sache herauszuschälen, braucht es manchmal erst die Überzeichnung und Karikatur. Für Pfeiffer jedenfalls sind Sportveranstaltungen offenbar so ziemlich die hysterischste Angelegenheit der Welt und seine Protagonisten Vorbilder für Denkmale, die hoffentlich nie gebaut werden.

Der 1966 in Honolulu geborene, auf den Philippinen aufgewachsene und seit 1990 in New York lebende Künstler nimmt sich auch sonst gern gedanklicher Schwergewichte an. In dem 2004 entstandenen Film „Memento Mori“ verfolgt die Kamera eine Fliege vor einer Glasscheibe und fängt ihre Vergänglichkeit ein (32100 Dollar, Auflage 6). In dem im gleichen Jahr entstandenen Film „Caryatid“ wird der Betrachter Zeuge von Fouls beim Fußballspiel, wobei sich Pfeiffer auch hier wieder des Prinzips der Retusche bediente. Fallende, Stürzende, sich vor Schmerzen Krümmende überall und sonst niemand weit und breit (64300 Dollar, Auflage 6). Das sind die Momente, in denen eine Last von ihm abzufallen scheint und Pfeiffer sich als großer Komiker erweist. So viele schöne „Schwalben“ gab’s schon lang nicht mehr.

Galerie Carlier Gebauer, Holzmarktstraße 15-18, S-Bahn-Bogen 51/52, bis 16. April, Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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