Kultur : Der Spion, der bis zum Kanzler kam

Top secret war wenig: Eckard Michels demontiert den Mythos vom Meisteragenten Günter Guillaume.

Hannes Schwenger

Die rote Rose, die Markus Wolf seinem Kanzlerspion Günter Guillaume ins offene Grab nachwarf, war wohl doch eine zu viel. Schließlich hatte Guillaume noch auf dem Krankenbett vor seinem Tod 1995 verfügt, dass sein einstiger Chef seiner Beerdigung fernbleiben solle. Nur scheinbar hatte ihn die Stasi bei seiner Heimkehr in die DDR mit einer Villa am Bötzsee und dem Ehrendoktor ihrer „Juristischen“ Hochschule in Potsdam auf Rosen gebettet. Die schöne Villa war, wie sich nach dem Ende der DDR herausstellte, mit Abhörmikrofonen verwanzt und Guillaumes Memoiren wurden zwar vom Militärverlag der DDR gedruckt, aber nur in wenigen hundert Exemplaren ausgeliefert. Für ihre Veröffentlichung hat sich Erich Honecker sogar bei Willy Brandt entschuldigt. Endgültig verärgerte Markus Wolf seinen ehemaligen Spion, als er zu seiner eigenen Verteidigung vor bundesdeutschen Gerichten dessen größten Coup – die Norwegenreise mit Willy Brandt – „als Reinfall“ bezeichnete.

So schildert Eckard Michels in der bisher faktenreichsten und tiefenschärfsten Darstellung des Falles das Ende einer Affäre, die weit mehr als ein spektakulärer Agententhriller war: Es war auch eine Geschichte enttäuschter Liebe – Guillaumes verschmähte Verehrung für sein „Opfer“ Brandt – und einer gescheiterten Ehe und Familie – der des Agentenpaars Christel und Günter Guillaume und ihres Sohnes Pierre. Ihre Ehe wurde schon bald nach ihrer Rückkehr in die DDR geschieden, den Sohn, der noch vor den Eltern in die DDR gekommen war, hielt es dort nur wenige Jahre, bevor er per Ausreiseantrag in die Bundesrepublik zurückkehrte. Mit alledem verrät Michels kein Geheimnis mehr – das meiste war schon an anderer Stelle zu lesen –, aber was er an zusätzlichem Hintergrundwissen ermittelt hat, leuchtet den spektakulärsten Spionagefall der alten Bundesrepublik mit zahlreichen neuen Details aus.

Michels hat nicht nur Christel Guillaumes ungedruckte Memoiren („Es begann am Potsdamer Platz“) und Gesprächsprotokolle mit Stasi-Führungsoffizieren für Pierre Guillaumes und Gerhard Haase- Hindenbergs Buch „Der fremde Vater“ einsehen können, sondern erstmals auch Zugang zu Verschlussakten des Bundeskanzleramts erhalten.

Seine Recherchen zeichnen ein glaubhaftes Psychogramm einer „Kundschafter“-Karriere im geteilten Deutschland und beanspruchen den Rang einer „exemplarischen Studie von DDR-Spionage und westdeutscher Abwehr“. Michels sieht hier die Fehlstelle der bisher „mehr oder weniger kursorischen“ Darstellung des Falles: „Guillaumes Spionagetätigkeit wurde nie im Rahmen der Struktur und Arbeitsweise des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, der zum Ministerium für Staatssicherheit gehörenden Hauptverwaltung A (HVA) oder des Bonner Bundeskanzleramts analysiert. Diese Versäumnisse haben bis heute eine nüchterne Einschätzung des tatsächlichen nachrichtendienstlichen Schadens für die Bundesrepublik oder des Informationsgewinns für die DDR durch den Kanzleramtsspion verhindert.“ Michels versteht sein Buch als Beitrag zu einer in Deutschland bisweilen als unseriös angesehenen Geschichte der geheimen Nachrichtendienste.

Seine eigene nüchterne Einschätzung kommt zu dem Schluss, dass Mythos und Ertrag von Guillaumes Spionagecoup weit auseinanderklaffen. Sein durchaus aufhaltsamer Aufstieg – frühe Verdachtsmomente versickerten im Behördendickicht und bei seiner Einstellung im Kanzleramt wurden Sicherheitsvorschriften übergangen – führte ihn zwar in die Spitzenetage der Bundespolitik, machten ihn aber noch nicht zum Super-Spion: „Top secret“ war nur wenig, was durch seine Hände ging, bis auf die Dokumente der Norwegen-Reise. Die Überbringerin, Christel, will sie aus Furcht vor Verhaftung vernichtet haben; ob sie die Stasi auf anderem Wege noch erreicht haben, ist zweifelhaft. Die wahren Top-Spione der DDR saßen in Brüssel oder wie Lise Gast in Bonner Ministerien, wo sie militärische Geheimnisse der Nato beschafften.

Günter Guillaumes auch noch in der Haft und in seinen Memoiren bekundeter Respekt für Brandt und seine fortdauernde, wenn auch gebrochene Loyalität zu ihm lassen Michels sogar vermuten, „dass seine ursprünglich nur zweite, getarnte Identität als ,rechter’ SPD-Mann nahezu vollständig von ihm Besitz ergriffen hatte. Selbst als im Sommer 1973 offensichtlich wurde, dass der Verfassungsschutz sie observierte, unternahmen die Guillaumes keinen Versuch, sich in die DDR abzusetzen, sondern versuchten, das Familienleben im Westen fortsetzen zu können“. Die Datenbank der Staatssicherheit – als Sira-Datei bekannt – verzeichnet jedenfalls seit Ende der 60er Jahre keine Berichte oder Lieferungen mehr von Christel Guillaume, während Günter Guillaume zwar noch eifrig lieferte, aber die Regeln und Weisungen der Hauptverwaltung Aufklärung so nachlässig befolgte, dass er nicht einmal alle Beweismittel vernichtete. Den schwersten Fehler beging er bei seiner Festnahme, als er sich sofort als Offizier der Staatssicherheit zu erkennen gab, während die Beweislage gegen ihn noch sehr dünn war. Dass ihn die Stasi nach seiner Heimkehr in die DDR dennoch als ihren Meisterspion feierte, sollte weniger den Mann als den Mythos seiner Auftraggeber feiern. Der ist bis heute haltbarer geblieben als die welke Rose in Guillaumes Grab.







– Eckard Michels:

Guillaume, der Spion. Eine deutsch-deutsche Karriere.

Chr. Links Verlag, Berlin 2013. 416 Seiten, 24,90 Euro.

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