Kultur : Der Spion, der keiner war

Renate Kreibich beleuchtet die Kampagne gegen ihren Mann, den ehemaligen FU-Präsidenten Rolf Kreibich – und verheddert sich auf der Suche nach Urhebern

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Rolf Kreibich war 1969 mit dreißig Jahren zum jüngsten Universitätspräsidenten der Welt gewählt worden. An der Freien Universität Berlin stand er im Zentrum zunehmender Polarisierung. Kreibich galt als linksgerichteter, freiheitlicher Sozialdemokrat, er war SPD-Mitglied und hatte auch Größeres vor. Im Sommer 1980 wollte er in den Bundestag einziehen. Ein Gräuel für rechte Querschläger vom Format eines Dietrich Stobbe oder Klaus Riebschläger.

In dieser (Vorwahl-)Situation machten plötzlich aufsehenerregende Schlagzeilen die Runde. „Spionageverdacht gegen Kreibich“, titelte der Tagesspiegel im März 1980; die Springer-Presse witterte unisono einen Abgrund von Landesverrat. Der Staatsschutz hatte bei den Kreibichs eine Hausdurchsuchung durchgeführt, die Presse war vorab gezielt informiert worden. Der Verdacht: „Spionage für eine fremde Macht“.

Renate Kreibich, die Ehefrau und Mitbetroffene, hat nun, dreißig Jahre danach, einen Betroffenheitsbericht vorgelegt, um die damaligen Ereignisse und das Klima, in dem diese möglich wurden, in Erinnerung zu rufen. „Folgen einer Flucht“, heißt das Buch. Denn die Kreibichs, selbst beide aus der DDR kommend, hatten auf abenteuerliche Weise den Vater von Renate Kreibich sowie ihren Bruder und dessen Ehefrau über die Tschechoslowakei in den Westen geholt. Im Juli 1968 war diese Flucht gelungen.

Nun, zwölf Jahre später, wurde den Kreibichs – wohl aufgrund einer Denunziation eines ehemaligen Bekannten aus Dresden – der Vorwurf gemacht, mit der Stasi zusammen gearbeitet zu haben und so erst die Flucht ermöglicht zu bekommen. Ein absurder Vorwurf – doch rüde Denunziationen reichten im Kalten Krieg aus, um Karrieren zu zerstören.

Renate Kreibich fragt, was „die tatsächlichen Motive des Denunzianten und seiner möglichen Hintermänner gewesen“ seien. Zudem „waren die politischen Hintergründe der handelnden Akteure weitgehend im Dunkeln geblieben“, ergänzt die Autorin. So hoffte sie, in einer Bestandsaufnahme Antworten zu finden. Die Autorin rekonstruiert die abenteuerliche Flucht aus der Erinnerung und aus Aufzeichnungen; sie betreibt etwas Zeitungsrecherche, um auch das politische Klima jener Jahre anzudeuten; und sie nimmt schließlich Einblick in ausgewählte Ermittlungsakten von damals. Es herrschte Kalter Krieg. Denunziationen fielen auf fruchtbaren Boden. Hysteriker und andere Scharfmacher betrieben ihr höchst eigenes Spiel mit der Angst. Doch Renate Kreibich deutet nur ein paar Verantwortliche namentlich an, rechte Sozialdemokraten etwa, oder einen Mann wie Peter Menke-Glückert, der zugleich Ministerialdirektor im Bundesinnenministerium als auch Vorstandsvorsitzender an Kreibichs Institut für Zukunftsforschung war. Klartext spricht die Autorin an diesen brisanten Stellen nicht - oder aber sie hat ihre Recherchen einfach nicht fortgeführt.

Herausgekommen ist ein nicht durchweg überzeugendes Buch. Es ist nicht nur redundant und teilweise umständlich formuliert; es liefert auch keinerlei Antworten auf die Fragen, die gestellt wurden. Die Verfasserin hat die historischen Ereignisse zwar rekonstruiert; damit hat sie sich dreißig Jahre danach so etwas wie Genugtuung verschafft. Der Vorwurf war völlig haltlos, das Ehepaar Kreibich war nach wenigen Stunden Verhör frei gekommen. Eine Entschuldigung für die Verhaftung oder eine weit verbreitete Richtigstellung in den Medien blieben freilich aus. Verständlich, dass die Verbitterung über diesen empörenden Vorfall geblieben ist.

Doch nachträglich in die Brennnesseln setzen möchte sich die Autorin auch nicht. Es ist schade, dass sie den Versuch nicht macht, Karrieren fortzuschreiben – oder auch nur anzudeuten, ob einige der beteiligten Akteure nach ihrem grandiosen (und sündhaft teuren) Misserfolg vielleicht Einbußen in ihrer Laufbahn hinzunehmen hatten. Auch ob die vorher so benannten „Strukturen“ nach einer derart inszenierten und dann spektakulär fehlgeschlagenen Operation unverändert weiter existierten oder eben nicht, interessiert die Autorin zu wenig. Rolf Kreibichs Bundestagskandidatur war, sicher auch dank der spektakulären Inszenierung in der Öffentlichkeit, gescheitert. Die Strippenzieher von damals hatten ihr Ziel erreicht. Ihre Namen kennen wir auch nach diesem Buch nicht. Die Beteiligten werden Renate Kreibich für diese Bescheidenheit dankbar sein.









Renate Kreibich:

Folgen einer Flucht.

Leben im Zwielicht

des Kalten Krieges.

wjs Verlag, Berlin 2010.

223 Seiten, 19,95 Euro.

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